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AKTUELLER REISEBERICHT

Nach Sibirien, ans Ende aller Wege

Sibirien

9 Zeitzonen liegen zwischen der Schweiz und Wladiwostok. Die 12’000 Strassenkilometer des direkten Wegs oder 20’000 Kilometer der Expedition von Reisen und Kultur verbinden den innersten Okzident mit dem äussersten Orient. Während das Ziel stets vor Augen bleibt, bieten die Umwege und Pausen eine einzigartige Gelegenheit, zu entdecken und zu verstehen, was diesen riesigen eurasischen Kontinent seit Jahrtausenden vereint.

Während ich von der nächsten Expedition träume, schweift mein Geist zwischen Erinnerungen und Vorahnungen auf neue Entdeckungen: Mein Blick sucht in den transluziden Gewässern der lykischen Küste nach versunkenen römischen Mosaiken und folgt den von Pappeln gesäumten Pfaden zu griechischen Theatern wie Pinara, Termessos oder Sagalassos. Auf dem kargen anatolischen Hochplateau horche ich den Schritten und Schreien von Eroberern, welche diesen Kreuzweg der Welten zu unterwerfen versuchten. Die kleine armenische Kirche «Kara Kiliza», der von den Truppen Alexander des Makedoniers zerstörte «Thron des Dschamschid» in Persepolis und die grosse königliche Moschee in Isfahan sind stumme Zeugen von Ausbrüchen höchster Zivilisation im Perserreich. Nach der Durchquerung einiger Wüsten entdecke ich die Oasen von Buchara und Samarkand wieder; ihre honigfarbenen Steine und türkisen Kacheln widerspiegeln die warme Gastfreundschaft und kühle Erholung am Wasserbecken. Die aussergewöhnliche Bergkulisse des Pamir raubt meinen Atem; hier, im östlichsten Zipfel Afghanistans treffen die höchsten Bergketten aufeinander und bilden die grösste Konzentration an 7000er Gipfeln. In der Mongolei, wo Himmel und Erde sich am endlosen Horizont mischen, führt mich der Weg über sanfte Hügel zu smaragdfarbenen Seen. Ich schlafe in Jurten und Zelten, während Millionen von Sternen über der Steppe wachen.

Sibirien – endlich! Wir treffen auf das (manchmal) asphaltierte Band, das Moskau mit dem 9’000 km entfernten Pazifischen Ozean verbindet. Diese Strasse ist die Lebensader, welche die endlos scheinende Taiga, einige Millionen km² Lärchen-, Fichten- und Kiefernwälder und gigantische Sümpfe überwindet. Sie überquert die grossen, in Zentralasien entspringenden Ströme des Ob, Yenissei und Lena, die sich ihren Weg zum Nordpolarmeer suchen. Sie verbindet Städte, deren Namen sowohl Erinnerungen an glorreiche Eroberungen wie auch an Deportationen wach rufen. Fernab von Moskau haben diese ihre eigene Kultur entwickelt und sind Zentren von Regionen geworden, die manchmal so gross wie ganz Europa sind. In schönen Konzertsälen und Opernhäusern, im Ballett und Theater bieten darstellende Künstler höchste Qualität und die lokalen Galerien und Museen setzen mich immer wieder in Erstaunen. Doch führt die Strasse auch durch winzige Orte, in denen das Leben sich in erster Linie ums «Überleben» dreht. In einigen kleinen, von Palisaden umgebenen Isba-Dörfern treffen wir Altgläubige, deren Vorfahren im 17. Jh. vor den Verfolgungen im Zuge der orthodoxen Kirchenreform flüchteten. Es ist ein buntes Land vielfältiger Völker; Burjaten, Tuwiner, Tataren, Keten, Tschuktschen, Korjaken oder Jukagiren bewohnen dieses Land unglaublicher Extreme und Weite, geprägt vom winterlichen Schnee und Eis.

An der Küste des Pazifik in Wladiwostok erleidet unser Weg seinen «Schiffbruch». Auf Monate von Nomadenleben, von Freiheit, von täglichen Überraschungen und Entdeckungen folgt eine brutale, schmerzhafte Leere. Nostalgisch denken wir zurück an die vielen mit starken Emotionen gefüllten Momente, Erinnerungen und verwirrenden Eindrücke, die noch geordnet und verstanden werden wollen. Den Verpflichtungen die uns dort erwarten, wo wir herkommen, schauen wir befürchtend entgegen. - Bis zum nächsten magischen Moment, in dem unsere Seele plötzlich wieder auflebt, es in unseren Beinen juckt und die Welt uns zuflüstert: «Vergiss nicht, dass es immer weiter geht, dass jenseits des Wassers Orte wie Sachalin, Kamtschatka, Magadan, Kolima und Tschukoktka liegen, dass noch etwas weiter Alaska und der grosse arktische Norden darauf warten, entdeckt zu werden». So beginnt unser Geist erneut zwischen Erinnerungen und dem Versprechen neuer Entdeckungen zu schweifen.

FL

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