Home

Kontakt

Unser Team

ANMELDEBLATT

Privatreisen 2018-2020
Privatreisen 2018-2020
Erste Einblicke 2019-2020
Erste Einblicke 2019-2020

Archiv

28.05.2010

“Happy People” und der Hase

Aufmerksam studiert der moldavische Grenzbeamte den Aufkleber unserer Autos mit unserer Reiseroute von der Schweiz nach Beijing. Als er unter den Flaggen die Seine entdeckt, leuchtet sein Gesicht auf. - “Happy People”, nennt er uns, nachdem wir die ökologische Taxe bezahlt haben und ich glaube, in seiner Baritonstimme einen Hauch von Nostalgie herauszuhören. Es ist neun Uhr früh am Grenzposten von Giurgiuiesti und ausser uns und ein paar moldavischen Grenzgängern, die (noch) in der Hafenanlage von Galati arbeiten, passiert niemand die Grenze zwischen Rumänien und Moldavien. Die rumänische Wirtschaft, wenn man sie noch so nennen kann, ist am kollabieren; wir haben es in den Gesichtern der Menschen gesehen, die resigniert und traurig in die Zukunft blicken. Doch sie haben schon viele andere Krisen miterlebt, die Rumänen.

Alles andere als resigniert erlebten wir Mutter Tatiana im Moldaukloster Sucevita ein paar Tage zuvor. Bevor Sie ins Nonnenkloster eintrat, war sie Schullehrerin gewesen, was sich noch heute in ihrer Haltung widerspiegelt: In ihrer imposanten schwarzen Robe erinnert sie uns an die Figur des Turms in einem Schachspiel. Aus vollster Überzeugung, mit einem Stock in der Hand bringt sie uns den Weg zum Paradies bei. Sie spricht eine sympathische Mischung zwischen Französisch und Englisch und gestattet sich zudem den Luxus, witzig zu sein. Sie ist fest überzeugt von ihrem Glauben, doch ihre Bescheidenheit lässt sie die Zweifel anderer akzeptieren.

Wir sind erst wenige Tage unterwegs und haben bereits so viel verschiedenes erlebt: Die hauchdünnen Wiener Schnitzel; den Ausblick auf Budapest von der Fischerbastei bei Sonnenuntergang; die unendlichen Wälder Rumäniens ...

Nach unserer Begegnung mit dem freundlichen Grenzbeamten durchqueren wir Moldavien in nur zwei Stunden und gelangen in die Ukraine. In einer kleinen, einfachen Herberge auf dem Lande machen wir eine Mittagsrast. Der Bortsch ist wunderbar und die Besitzerin lässt uns den Speck von diesem Jahr degustieren. Gerade als wir aufbrechen wollen, tritt der Besitzer mit einer Schachtel unter dem Arm ein. In der Schachtel befindet sich ein lebendiger Hase, den er uns als Willkommensgeschenk in der Ukraine geben möchte. Er erzählt, dass er die selben Autos im letzten Jahr bereits gesehen habe und freut sich darüber, dass wir zurückgekehrt sind.

Den Hasen müssen wir leider zurücklassen, doch wir fühlen uns äusserst willkommen in der Ukraine. Heute Abend werden wir in Odessa eintreffen und wir freuen uns schon auf den Besuch in der Oper.

JE

Nach oben

18.06.2010

“Welcome to Huatugou”

Auf einigen Karten findet man diesen Ort, auf anderen nicht - Huatugou liegt im Westen der Provinz Qinghai auf einer Höhe von 3'000 Metern. Viel gibt es über diesen Ort eigentlich nicht zu erzählen, ausser dass er 400 km von Ruoqiang, 1'250 km von Xining und 530 km von Dunhuang entfernt ist und dazwischen lediglich Sand- und Steinwüste sowie hohe, felsige oder schneebedeckte Berge liegen. Bereits zum dritten Mal finde ich mich in diesem Dorf im Nirgendwo wieder. 1999 war ich zum ersten Mal hier: Damals mussten wir den Launen und Manövern des chinesischen Militärs ausweichen und unsere Reiseroute ändern. Die Route entlang des Flussbetts auf ramponierten Strassen stellte unsere Kräfte auf die Probe und die eisige Nacht war bereits eingebrochen, als wir Huatugou erreichten. Unsere Herberge hatte weder Wasser noch Elektrizität und im Ort fanden wir eine einzige Spelunke, die noch offen war. Als wir eintraten, riefen uns die Kunden mit lachenden Gesichtern “Welcome to Huatugou” zu und rückten zusammen, um für uns Platz zu machen. Beim starken Geruch von Gewürzen, Knoblauch, Alkohol, Rauch und Urin wurde uns ein üppiges, sauberes und schmackhaftes Mahl serviert und allmählich hob sich auch beim letzten von uns desorientierten Pilgern das Gemüt.

Im vergangenen Jahr war ich zum zweiten Mal in Huatugou. Die Strasse war zwar noch im Bau, doch wir kamen gut voran und erreichten den Ort bereits am frühen Nachmittag. Wir genehmigten uns als erstes in einer ähnlichen Kneipe eine riesige Portion Jiaozi (chinesische Raviolis). Der Rauch und Russ der Jahre hatte die Wände des winzigen Raums geschwärzt, die Decke war so tief, dass wir kaum aufrecht stehen konnten, doch die Wirtin, so schwarz wie die Wände ihres Lokals, machte sich am Kochherd zu schaffen, um für uns das Beste aus ihrer Küche zu zaubern. Mit leichtem Entsetzen malten sich meine Mitreisenden bereits aus, dass wir an diesem schmutzigen Ort übernachten würden ... doch diesmal konnten wir in einem ordentlichen Hotel schlafen. Das Hotel “Petroleum”, welches von der gleichnamigen Firma für seine Mitarbeiter errichtet wurde, war sauber und verfügte über einen Internetanschluss auf jedem Zimmer - welch ein Luxus! In diesem Jahr, bei meinem dritten Besuch waren wir im Hotel “Pöstli” einquartiert, das die chinesische Post ebenfalls für ihre Mitarbeiter errichtet hatte. Es gibt unterdessen noch ein weiteres Hotel namens “Silberstein”, das absolut sehenswert ist!

Ich glaube nicht, dass zwischen meinen drei Besuchen viele Ausländer in Huatugou halt gemacht haben. Es gibt hier weder etwas zu tun noch zu sehen, es ist lediglich eines dieser mageren Städte, die mit der Entdeckung von Erdöl entsprungen sind und bereits wieder zu verschwinden drohen, da neue Bohrungen und Quellen weiter entfernt liegen. - Doch auch um solche Orte geht es auf unserer Reise: Auf dem Weg nach Beijing durchqueren wir das wahre China und erleben auch das China, das in touristischen Reiseprospekten vergessen wird.

In diesem Jahr wurden wir zum ersten Mal von der Polizei mit misstrauischen Blicken beäugt und sie wollten uns sogar gleich wieder wegschicken. Doch wie die Jahre zuvor wurden wir von den lokalen Lebensmittelhändlern, Wirten und Hotelangestellten mit dem breitesten Lächeln empfangen. Sie freuten sich aufrichtig, uns zu sehen und mit uns Fotos zu machen. - Dieses arme, vergessene und etwas trostlose Nest begrüsste uns wie jedes Mal mit dem freundlichen Ausruf: “Welcome to Huatugou”

FL

Nach oben

03.09.2010

Baloo und das Ganggetriebe

Baloo ist unser Schutzengel in der Mongolei! - Mit seinen stolzen und appetitlichen 140 kg Fleisch sprudeln seine kleinen Augen vor Lebensfreude und sein Lächeln ist klar und warmherzig. Dieser einst berühmte Jäger und Sohn eines Karawanenführers ist unser Fahrer/Mechaniker und führt uns durch die Mongolei. Auch in anderen Ländern empfangen uns ausgezeichnete und engagierte Begleiter: Zhang in China, Lena oder Nikolai in Russland, Otabeg oder Komil in Zentralasien. So wie diese versteht Baloo ganz genau den Sinn unserer Reise und tut alles, damit wir unser Ziel erreichen; denn die Schweiz mit Peking im Auto auf dem Landweg zu verbinden ist keine Selbstverständlichkeit! Dank ihrer Freundlichkeit, Aufmerksamkeit auf jedes Detail und Fürsorge für jedes Problem sind unsere Reisegefährten über Tage, Wochen und nun bereits Jahre zu Freunden geworden, auf die wir stolz sind.

Baloo ist der Chauffeur unseres Küchen-Service-Lastwagens: Er entscheidet welchen Weg wir einschlagen, ob wir einen Fluss durchfahren oder lieber einen Umweg machen. Inmitten unberührter Natur findet er den richtigen Weg: Die Position der Sonne, die Farben der Vegetation, kaum sichtbare Reifenspuren und seine Kenntnis der Landschaft sind seine einzigen Hilfsmittel. Sein innerer Kompass ist sein sechster Sinn, der alle Details der Umgebung wahrnimmt und uns ohne Irrwege ans Ziel führt. Baloo ist aber auch der Herr des Zeltlagers: Er stellt das Essenszelt auf, öffnet eine Vodkaflasche mit den Zähnen, sammelt Holz fürs grosse Lagerfeuer und wählt für unsere Gaumenfreuden das beste Schaf aus. Unter dem klaren Sternenhimmel singt er die traditionellen Melodien und Gesänge, die im Schutz der Jurte von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Während der Expeditionsreise liegt unsere grösste Sorge bei unseren Fahrzeugen: ein Unfall oder ein technisches Problem würde die Fortsetzung der Reise in Frage stellen. Wie der Reiter von seinem Pferd, sind wir von unseren Autos abhängig: Liebevoll umhegen wir sie und putzen sie regelrecht heraus ... doch Erschütterungen, Schlaglöcher, hügelige und wellblechartige Pisten, Staub, Wasser, Schlamm und Sand setzen ihnen unbarmherzig zu. Baloo kennt unsere Sorgen gut, muss er doch mindestens einmal pro Tag an seinem Lastwagen eine Schiene befestigen, eine Schraube anziehen oder die Benzinpumpe reinigen. So vergisst er nie, einen oft etwas besorgten Blick auf unsere Autos zu werfen, denn in dieser immensen Weite der Mongolei sind wir winzig und zerbrechlich. Baloo ist es nämlich, der zur Hilfe eilt, wenn ein Stossdämpfer ausgewechselt oder ein Reifen repariert werden muss.

Auf dieser Reise ist das Problem jedoch schwerwiegender! Beim Ganggetriebe eines Fahrzeuges sind die Zahnräder beschädigt und haben sich leicht verschoben, sodass das Zurückschalten in den vierten oder dritten Gang bald nicht mehr möglich sein wird. Inmitten der mongolischen Steppe und noch 15'000 km von unserem Ziel entfernt, ist dies die Art Problem, die wir lieber vermeiden ... So macht sich Baloo nach seiner Mittagspause, an einem Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr dran, dieses Problem zu beheben. Zwei bis drei Kollegen helfen ihm dabei, der eine ist Nähmaschinen-Reparateur, der andere Juwelier. Sie finden im nahegelegenen Ort einen besseren Schuppen mit einer Rampe, die sich Garage nennt. Weder ein Wagenlift noch eine Grube oder eine Lampe steht ihnen zur Verfügung. Eingeklemmt zwischen Rückenlehne und Steuerrad beginnen sie, das Ganggetriebe von oben auseinander zu nehmen und jedes Teil genau zu studieren. Ihre Finger, ein Schraubenzieher und eine kleine Klemme sind ihre einzigen Werkzeuge. Als die Nacht einbricht, machen sie im Schein unserer Taschenlampen weiter, bis sie um ein Uhr morgens mit roten Augen einschlafen, um ein paar Stunden später ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Am nächsten Morgen scheint alles wieder zu funktionieren, doch die Transferbox reagiert nicht ... Also heisst es, wieder von vorne beginnen: abbauen, anschauen, studieren, probieren ... Baloo starrt unaufhaltsam ins Innere dieser Getriebebox und versucht sie zu verstehen. Während Stunden bewegt sich nichts und alles scheint blockiert, doch ich weiss, dass Baloo in seinem Kopf das, was er vor sich sieht, mit allen anderen ihm bekannten Mechanismen und Getrieben vergleicht. Gegen 23 Uhr belebt sich sein Blick plötzlich: Er beginnt während 30 Minuten Teile umzusetzen und zu bewegen, setzt das Getriebe dann wieder zusammen und nickt uns zu. In der Dunkelheit der Nacht fahren wir zu einer erneuten Testfahrt los; diesmal -welche Erleichterung - mit positivem Resultat!

Wunderbar Baloo! Wieder einmal hat er unsere Expedition gerettet. Seine Intelligenz eines guten Handwerkers, sein kämpferischer Geist der Steppe und seine Fürsorge für seine Freunde haben Wunder bewirkt. - Einige Tage später schenke ich ihm meinen schönen, grossen, kompletten, professionellen Automechaniker-Werkzeugkoffer. Seit Baloo diesen zum ersten Mal gesehen hat, träumt er davon, denn im Winter verdient er seinen Lebensunterhalt, indem er Autos uns Lastwagen repariert. Die Werkzeuge sind bei ihm in guten Händen und sicherlich von grossem Nutzen.

FL

Nach oben