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Privatreisen 2018-2020
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Erste Einblicke 2019-2020
Erste Einblicke 2019-2020

15.08.2011

Elena – eine russische Frau

Bereits eine Woche vor unserer Ankunft in Russland erreicht mich eine SMS: „Claudia wie geht’s, ich reise am Mittwoch zur Grenze. Ich habe am Samstag Abend für alle einen Tisch bei Mischa reserviert. Braucht Ihr noch Ersatzteile fürs Auto, soll ich sie bestellen?“ – „Alles klar, wir freuen uns auf Russland. Die Autos sind in gutem Zustand, keine Ersatzteile nötig dieses Jahr!“, lautet meine Antwort. - Welche Erleichterung, denn im letzten Jahr hatten wir grosse Sorgen wegen eines beschädigten Ganggetriebes und einer abgenutzten Kupplung.

Von weitem sehe ich sie schon; sie sitzt mit ihrer kleinen Tasche im Gras gleich hinter dem Grenzzaun, raucht eine Zigarette und telefoniert. Ich darf noch nicht zu ihr, denn erst müssen sämtliche Formalitäten erledigt werden. Auch wenn Elena den Chef des Grenzpostens von Tashanta kennt, darf sie nicht ins Niemandsland. Die Zöllner arbeiten so schnell es geht, doch die Formalitäten sind langwierig. – Welche Freude, als wir nach sieben Stunden den letzten Grenzposten passieren und Elena uns mit einem strahlenden Lachen in die Arme nimmt - Bienvenue en Russie! Aus der Mongolei kommend erleben wir hier eine andere Welt: Statt Jurten inmitten endloser Steppen gibt es hier richtige Häuser und sogar Datschas mit gepflegten Gärten. Auf der Fahrt vom kargen Hochplateau am Fusse der Schneeberge des Altai entlang immer grösser werdenden Flüsse und immer dichteren Wäldern erzählt Elena aus ihrem Leben:

Mit uns habe alles angefangen ... denn erst seit vier Jahren begleitet die Universitätsdozentin und offizielle Übersetzerin für Französisch und Englisch aus Barnaul ab und zu Gruppen durch die Region Altai von der mongolischen zur kasachischen Grenze. „Meine ehemaligen Studenten haben mich vermittelt, denn sie hatten alle Angst und wollten nicht in die Berge fahren, wo man eine Sonderbewilligung benötigt. So bin ich vor vier Jahren zu euch gekommen. Meine Freunde denken immer noch ich sei verrückt, eine so grosse Verantwortung zu übernehmen und einen so stressigen Job zu machen, aber mir macht es Spass.“ Jeden Kilometer dieser Strasse kennt sie: Sie weiss, wo es saubere Restaurants gibt, wo man eine Autowaschanlage oder Garage findet, wo man ein Pannenfahrzeug auftreiben kann und besonders wichtig; wo die Verkehrspolizisten Geschwindigkeitskontrollen machen! Wir seien ihre Lieblingsgruppe, erzählt sie und ich staune nicht schlecht, dass sie sich an alle Teilnehmer unserer letzten vier Expeditionen mit Namen erinnert – dies obwohl wir nur dreieinhalb Tage mit ihr verbringen!

Elena hat verstanden, worum es bei unserer Expeditionsreise geht und ist mit dem Kopf voll bei der Sache. Kaum habe ich einen Gedanken oder Wunsch geäussert, schon hängt sie am Telefon: bestellt im Voraus Essen, reserviert Termine in einer Autowaschanlage, versichert sich, dass wir im Hotel einen Express-Wäscheservice erhalten, erkundigt sich nach Wechselkursen und Öffnungszeiten von Banken und erklärt Automechanikern, was zu reparieren ist. Hartnäckig insistiert sie auf ihren (unseren) Wünschen, verlangt nach Vorgesetzten und versichert sich dreimal, dass jedes Detail richtig organisiert ist. Feierabend gibt’s für Reiseleiter nicht, so blickt sie mich gegen Ende eines besonders hektischen Nachmittags an und fragt: “Claudia, ist es ok, wenn ich jetzt ein Bier trinke?” - “Na klar, ich lade Dich ein, wir haben’s uns verdient. Zum Wohl!”

Trotz neuer Fahrzeuge, äusserster Vorsicht im Umgang damit und besseren Strassen verläuft unsere Reise nicht ohne Zwischenfälle: Mitten im Berggebiet, kurz vor Mitternacht blinkt in meinem Auto ein Warnlicht und der Motor wird immer schwächer. Wir werden unser Tagesziel nicht erreichen und das Auto muss in eine moderne Garage! Wir kehren um, finden in einem kleinen Dorf für 16 Personen ein Dach über dem Kopf, schlafen ein paar Stunden, organisieren am nächsten Tag einen Lastwagen, der das Auto zur Garage ins 500 km entfernte Barnaul fährt, wo ein Fehler in der Elektronik gefunden und der Schaden behoben wird.

Nach zwei Tagen Bangen ums Auto, Sorgen über den weiteren Verlauf der Expedition und unzähligen Telefonanrufen macht sich grosse Erleichterung breit! Dank Elenas enormem Engagement, ihren ausgezeichneten Verbindungen und dem Verständnis und der Kooperation der Gruppe können wir plangemäss weiterreisen. Gefeiert wird wie jedes Jahr am Samstagabend „chez Mischa“, einem Freund von Elena, der in Barnaul eine Art Rock-Café betreibt. – Merci Elena, hoffentlich bis nächstes Jahr!

CM

12.07.2011

Nazgul, eine kirgisische Frau

“Mit 25 Jahren sollte eine kirgisische Frau verheiratet sein. Danach wird es sehr schwierig!”. Diese Bemerkung lässt Nazgul während der Abbiegung in eine Kurve fallen. Dieser Satz berührt mich zutiefst. Es ist nicht immer einfach, den richtigen Partner, mit dem man ein ganzes Leben verbringen möchte, zu finden. Auch hier bei uns nicht. In Kirgistan aber ist es eben noch viel komplexer. Dort ist die Liebesheirat ein Luxus, den junge Kirgisen am Fernsehen oder in einem Kitschroman entdecken. Er steht aber im Konflikt mit der jahrhundertelangen Tradition arrangierter Ehen, sowie mit der schlicht lebenswichtigen Notwendigkeit, sich zum Leben und viel mehr zum Überleben zu vereinen.

Nazgul hat jedoch überzeugende Argumente auf ihrer Seite! Sie ist intelligent, hübsch, zuverlässig und sehr fleissig. Sie ist auch eigenwillig, denn in Ländern wie Kirgistan ist es nicht üblich, dass eine Frau sich durchsetzt. Nachdem sie ihren Vater verloren hat, hat ihre Mutter nur in Moskau, 2'000 Kilometer von Kirgistan entfernt, eine schlecht bezahlte Arbeitsstelle gefunden. Ihre beiden Brüder, zwei wahrhaft kirgisische Typen, lassen sich von Nazgul unterhalten. Sie kümmert sich um alles: Sie verdient das Geld für die gesamte kleine Familie, sie hält die Wohnung sauber, kocht und wäscht für alle Familienmitglieder. Nur ein einziges Mal hat sie ihre Pflichten nicht erfüllt! In die Schweiz eingeladen - eine einmalige Chance - kam sie zu spät zurück, um ihre Aufgabe als Lehrerin wieder aufzunehmen. Gewiss früh genug, um den Unterricht wieder aufzunehmen, jedoch zu spät, um bei der Reinigung des Schulhauses mitzuhelfen. Denn in Kirgistan müssen sich Lehrerinnen (und Lehrer?) vor dem Schulanfang eine Woche der Reinigung der Klassenzimmer und der Flure widmen. Daraufhin wurde sie entlassen.

Es ist nun das dritte Mal, dass ich diesen Strassenabschnitt in Nazguls Begleitung fahre. Sie erwartet uns an der Grenze zwischen Usbekistan und Kirgistan, um uns an der chinesischen Grenze schon wieder zu verlassen. Nicht einmal 48 Stunden brauchen wir für 800 Kilometer auf Bergstrassen und eine Nacht in einem Bettenhaus auf 3'200 m Höhe gegenüber der imposanten Pamirgletscher. Fast schäme ich mich, ihr Land so eilig zu durchqueren. Diese zwei Tage bedeuten für sie aber trotzdem 5 oder 6 Arbeitstage: Die Anreise aus Bichkek, das Vorbereiten aller Grenzpapiere, das Abwarten unserer Ankunft in Osh und dann das Zurücklegen der gesamten Strecke in umgekehrter Richtung, um wieder heimzukehren. Dasselbe gilt sowohl für das Arbeiten wie auch für das Heiraten: Beides ist notwendig und ein Auftrag wird nie abgelehnt, so undankbar er auch sein mag.

Ich weiss nicht, ob ich Nazgul eines Tages wieder begegnen werde. Nebst ihrer Tätigkeit als Reiseleiterin unterrichtet sie für NGO’s arbeitende Kirgisen die deutsche Sprache, sowie ausländischen Entwicklungshelfern die Kirgisische. Zuletzt soll sie einen guten und heiratwilligen Partner gefunden haben. Nazgul, intelligent, hübsch, zuverlässig, fleissig, eigenwillig und unabhängig. Sie hat alles für sich... und alles gegen sich. Sie verdient es, dass man ihr viel Glück wünscht.

FL

21.06.2011

Rushana, eine usbekische Frau

Da sitze ich mit einigen Reisekameraden auf einem Teppichstapel, als mir Rushana zuflüstert: «Wie soll ich’s heute machen, wie immer oder soll ich die Wahrheit sagen?». Ich muss mich zusammenreissen, um nicht laut loszulachen, so ein freches Mädchen! «Wenn ich dabei bin, sagst du immer die Wahrheit», sage ich. Mit ernster Miene schaut sie mich an und sagt «Einverstanden». Dann legt sie los mit ihrem gekonnten Gerede.

Ich kenne Rushana schon seit 5 Jahren. Sie war damals 20 Jahre alt, aber ihre unglaubliche Zungenfertigkeit und ihr mit Englisch gespicktes Französisch (sie besuchte eine sehr gute Schule!) liessen mich schon häufig in lautes Gelächter ausbrechen. Unmöglich ihrer Wortgewandtheit, ihren Samtaugen und ihrem schelmischen Lachen zu wiederstehen! Zudem weiss sie genau, wo die kostbarsten Teppiche aufzutreiben sind. Solche, die nicht gezeigt werden, weil sie zu schön und kostbar sind. Nein, solche, die mit ihrer Schönheit alle anderen in den Schatten stellen, jedoch zu teuer sind, um wirklich verkauft zu werden.

Rushana weiss ganz genau, dass ich nicht naiv bin. Als ich mich nach langem Verhandeln mit einem Teppich unter dem Arm davon mache, ist mir wohl bewusst, dass sie den Tag erfolgreich abschliesst. Mit einem Teppich aus Bukhara zurückzukehren, bedeutet nicht bloss, mit einem weiteren Gegenstand heimzukehren. Vielmehr bedeutet es, sich ein Kunstwerk, eine Stimmung, einen Lebensstil, eine Begegnung, eine Geschichte und eine Freundschaft zuzulegen. Allesamt Dinge, welche das Leben bereichern und einen über längere Zeit begleiten.

Und alle Jahre wieder! Sie reisst Ihre Augen weit auf, als sie mich am Eingang ihres Ladens erblickt und ich kann die aufrichtige Freude, mich wiederzusehen, in ihrem Gesicht erkennen. Ich erkläre ihr, dass ich diesmal auf keinen Fall einen Teppich mitnehmen werde. Während meine Kameraden ihre Auswahl treffen, wirft sie mir fast mit Verachtung ein sehr schönes Stück vor die Füsse. Seufz! Als ich ihr sage, dass ich mich zwischen einem Teppich und nach-Bukhara-zurückkehren entscheiden muss, zögert sie keine Sekunde: «Nimm den Teppich nicht, aber komm zurück nach Bukhara und lass uns jetzt besser was essen gehen!». Bei einem deftigen Bier und einem Berg Bratspiesse mit Zwiebeln, die sie fast gänzlich selber verspeisen wird, erzählt sie mir von ihrem Leben, von ihrem anderthalbjährigen Sohn, von ihren nicht erfüllten Hoffnungen, von ihren Lebensträumen, von ihrem Auto, von ihrer zukünftigen Wohnung und von ihrem Anfang als Verkäuferin, als sie im Alter von 12 Jahren mit ihren Postkarten um mich herumwirbelte. Heute ist sie die Herrin im Haus, sie alleine sorgt für ihre ganze Familie und für die Schwiegereltern. Bei so vielen hungrigen Mäulern ist es besser, talentiert zu sein!

Nach dem Essen schlägt sie vor, mir doch noch einige Teppichstücke zu zeigen, nämlich solche, die in Museen landen. Zudem will sie mit mir das Atelier besuchen, wo die “kleinen Hände von Bukhara” tagein tagaus Seide knüpfen. Behutsam und fern von neugierigen Blicken legt sie einen einzigartigen Teppich einer unglaublichen Feinheit vor mich hin.

Am Abend, am Rande des Liabi Khaouz Platzes mit Iskander und Rostam, einer über 20 Jahre alten Freundschaft, an einem Tisch wo Gericht auf Gericht folgt, reden wir über dies und jenes. Dazu trinken wir gemütlich eine Flasche Whisky, während ein Stern nach dem anderen am klaren Himmel Zentralasiens erleuchtet. Bestimmt komme ich zurück nach Bukhara!

FL

08.06.2011

Zoya, eine kasachische Frau

Zoya erwartet uns am Grenzübergang von Russland nach Kasachstan. Wir hatten Astrachan bereits am frühen Morgen verlassen, das Hochwasser an der Wolga dank einer schwimmenden Brücke und die grossen vom vielen Frühjahreswasser überfluteten Flächen überquert. Einzig der Damm und die daraufliegende Strasse, auf der wir fuhren, ragten hier aus den weiten Wasserflächen heraus. Die Aus- und Einreiseformalitäten der beiden Länder erledigten wir mit nur vier Stunden eigentlich rasch, dennoch beklagt sich Zoya über die Langsamkeit und die Verspätung. Vor uns liegen nämlich noch 350 km Fahrt bis nach Atryau und die Strassen dorthin sind nicht besonders gut.

Zoya bereitete wie gewohnt einen wunderbaren Empfang vor - so wie bei Nomaden gute Freunde nach einer sehr langen Reise Zuhause wieder begrüsst werden. Dafür trommelte sie ihre zwei Töchter und deren Ehemänner, einige Cousinen und Tanten, sowie mehrere Freunde zusammen. Eine Jurte wurde unter den die Wolga säumenden Tannen inmitten der feindlichen Steppe aufgebaut. An diesem idyllischen Ort erwartet uns ein glühendes Feuer und eine lange, gedeckte Tafel. Bier, Arak, Champagner, einheimischer Rotwein und Wodka werden uns serviert währenddem verschiedene Salate aus Tomaten und Gurken, Karotten und Zwiebeln, gefolgt von gefüllten Paprikas sowie Rindsragout mit Kartoffeln und Gemüse aufgetischt werden. Zuletzt machen riesige auf dem Holzfeuer gegrillte Bratspiesse die Runde. Der Generator gibt schon bald seinen Geist auf und so verbringen wir den Rest des Abends im Licht der Scheinwerfer und tanzen zur Musik der Autoradios unter dem grossen Himmelszelt mit seinen unzähligen Sternen.

Zoya ist eine ziemlich unglaubliche kasachische Frau! Nachdem ihr Mann zu früh verstarb, befand sie sich nach dem Fall der Sowjetunion vor ca. zwanzig Jahren mittellos. Um Ihre Familie zu ernähren stieg Zoya damals in den Tourismus ein. Jedoch nicht in den üblichen Tourismus, denn interessierte Besucher für Kasachstan gibt es nur wenige. Und so begann sie sogenannte “Shopping Tours” nach China für ihre Mitbürgerinnen zu organisieren. Mehrmals pro Jahr fliegt sie seither mit einem Dutzend Kasachen nach Urumqui in Nordwestchina. Dort kaufen sie während einer Woche alles mögliche ein, was Zuhause auch wieder verkauft werden kann: Möbel, Baumaterial, Kleider, Schuhe, Holz, Bretter, Kloschüsseln, Rohrleitungen, Autoersatzteile, Fahrräder und noch vieles mehr. Anschliessend kauft Zoya vor Ort je nach Bedarf 2,3 oder 4 Occasion-Lastwagen, welche sie mit der gekauften Ware belädt und organisiert den Rücktransport über 3'500 km zurück in ihre Stadt Atryau. Sie kümmert sich um alle Zollformalitäten, kennt alle Funktionäre, auf beiden Seiten der Grenze, Kasachen wie sie, und weiss, wie mit ihnen zu verhandeln ist.

Sobald die Ware dann von ihren Besitzern eingesammelt ist, werden auch die Lastwagen wieder verkauft. Das Geschäft läuft blendend und mittlerweile ist Zoya’s gesamte Familie an diesem “Business” beteiligt. Es ist gar nicht so einfach, wie es scheint und ich bewundere sie für ihren Mut.

Zoya ist auch eine weise Frau! Als wir uns über ihr Land und seine Perspektiven unterhalten, sagt sie, dass ihr im Westen so verschriene Präsident ein guter Präsident sei, weil er über all die Jahre sowohl unter den Kasachen als auch mit den Nachbarländern den Frieden bewahrt hatte. Wo doch der Westen fernab von seinen eigenen Grenzen im Irak, in Afghanistan, in Libyen, an der Elfenbeinküste und wahrscheinlich anderswo ihre Kriege ausführt, haben wir die Bedeutung dieses Wortes längst vergessen. Den Frieden, einfach leben zu können... Ich danke dir, Zoya, dass du mir dies wieder vor Augen geführt hast und wünsche dir und deinen Liebsten viel Glück.

FL