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Privatreisen 2018-2020
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Erste Einblicke 2019-2020
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01.10.2008

Im Rhythmus des grossen Flusses

Den Mekong habe ich vor vielen Jahren entdeckt, am Ende einer langen Reise durch die Berge von Nordlaos. Lange irrte ich auf schlechten Pisten umher, übernachtete in unwahrscheinlichen, in Staub versunkenen Hütten und nahm mehr Mahlzeiten mit den Fingern als mit dem Besteck zu mir. Ich habe ein aus allem möglichen Plunder gezimmertes Gasthaus mit einem Boden aus dünnen undichten Brettern gefunden. Über eine Leiter gelangte man auf die hölzerne Plattform, welche überhängend, an einen über dem Mekong thronenden Felsen angebracht war. Dort befanden sich die Toiletten, einfach ein Loch im Bretterboden. Als Dusche diente ein grosses Fass, aus dem beliebig Wasser geschöpft werden konnte. Der bedeutendste Verdienst des Ortes, nebst der Dusche unter freiem Himmel, war das Geschenk der Vision des Sonnenunterganges über dem Fluss und dem Tropenwald. Am nächsten Tag brachte mich ein ohrenbetäubendes Schnellboot, das Holzfällern gehörte, nach Louang Prabang. Wie eine Kobra schlängelte es blitzschnell durch die riesigen aus dem Mekong herausragenden Felsen. Der Wasserspiegel ist am Frühling am tiefsten.

Seit dieser denkwürdigen Zeit, ist Laos nun ein „touristisch zivilisiertes“ Land geworden! Die Hotels sind ordentlich, einfach charmant oder auch luxuriös und der langsame Rhythmus der Bootsfahrt ist dem grossen Fluss angepasst. Die Fahrt von der thailändischen Grenze bis zur ehemaligen laotischen Königsstadt dauert zwei Tage. Lange Stunden für Träumereien, geschaukelt von den sanften Wellen des Wassers und etwas beduselt vom Gesang der Tropenvögel. Die Ufer sind Kulissen eines schönen lebendigen Schauspiels: in Bambuswälder versteckte Dörfer, arbeitende Elefanten, die Baumstämme hinter sich herziehen, kleine Märkte, wo die Frauen der Wälder ihre bescheidenen Waren verkaufen, und Fischer, die ihre Netze elegant auswerfen. Man kann so bis Vientiane weiterfahren und sogar bis nach Pakse und den Khonginseln gelangen, dort wo sich der Fluss in tausend Arme teilt, um sich bald wieder in den reissenden Strom, der nach Kambodscha fliesst, zu ergeben.

Der Mekong wird immer ein launischer Fluss sein: still während der trockenen Zeit und angeschwollen sobald die Regenzeit kommt. Der mythische Fluss hat seine Quelle in Shangrila, stürzt von den Hängen des Himalaya hinunter, durchquert unzählige Wälder bevor er die grossen Ebenen Südostasiens nährt.

FL

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15.11.2008

Syrien - grosse, fragende Augen

Sehr gross ist sie nicht, die kleine Priesterin - in ihrem zottigen Rock und schweren Wollmantel sitzt sie auf ihrem Thron und guckt uns gedankenverloren an. Ihre grossen, schwarz umrandeten Augen waren einst mit Lapislazuli und Perlmutt überzogen. Zusammen mit rund einem Dutzend ähnlicher Figuren mit dem selben verträumten, himmelwärts gerichteten Blick wurde sie 1952 von Archäologen ausgegraben. Man erzählt, sie habe vor über 3500 Jahren in Mari am rechten Ufer des Euphrat den Tempel Ninnizaza bewohnt. Durch die Glasscheibe des archäologischen Museums in Damaskus beobachtet sie mit fragenden Augen die Welt: “Was ist in all diesen Jahren geschehen? Was ist aus meiner Stadt, meiner Zivilisation geworden? Wo sind meine Götter geblieben?” - Fasziniert von dieser 36 cm grossen Gipsfigur, entscheiden wir uns weiter zu reisen, um die Geheimnisse Syriens zu entdecken. Über Tausende von Kilometern führt unser Weg durch atemberaubende Landschaften, in die alte, bewegte und faszinierende Vergangenheit zu den Ursprüngen verschiedener Kulturen.

Versteckt in den Bergen liegt das Dorf Maaloula. Hier segnet uns der Priester des Klosters Mar Sarqis auf Aramäisch, der Sprache der ersten Christen. In Hama begegnen wir riesigen quietschenden Wasserrädern, den Norias, welche einst die Bewässerung der Felder regulierten. Beinahe uneinnehmbare Kreuzritterburgen erinnern an eine Zeit, in der Personen mit eloquent klingenden Namen wie Gottfried von Bouillon oder Raimund von Toulouse sich gegen das Versprechen eines Platzes im Paradies in halsbrecherische Schlachten stürzten. Nördlich von Aleppo entdecken wir imposante Basiliken, in denen die ersten Christen ihren Kult zelebrierten. - Immer wieder wird uns bewusst, dass wir uns auf dem Kreuzweg der ältesten Zivilisationen befinden: Abraham, Moses, Ramses und Alexander der Grosse haben hier Spuren hinterlassen. Jeder Ort, jeder Berg und jeder Stein erzählt eine Geschichte und uns wird bewusst, wie viele Wurzeln des Okzidents hier liegen.

Syrien sei die Wiege von Zivilisationen; in diesem Land seien die wichtigsten monotheistischen Religionen entstanden; das erste Alphabet sei hier gefunden worden; die schönsten griechisch-römischen und byzantinischen Städte befänden sich hier - vieles wird über Syrien gesagt. Man erzählt auch, dass die Omayyaden-Moschee eine der schönsten der islamischen Welt sei oder dass es nicht nötig sei, im Suq auf seine Einkäufe zu achten, denn in Syrien gäbe es keine Diebe. Es scheint unglaublich, aber all dies ist wahr - wir haben es auf unserem Weg nach Mari erlebt.

BL

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04.12.2008

Mein Freund Asif

Nach einem langen und unbequemen Flug landete ich mit einer Reisegruppe - alle ungeduldig, zur Reise entlang der Seidenstrasse aufzubrechen. In der Morgendämmerung begaben wir uns von der kühlen Flugzeugkabine in das feuchtheisse Klima Pakistans. Asif, ein kleiner Mann in zu weiten Kleidern und zersausten Haaren, erwartete mich in der Ankunftshalle des Flughafens Peshawar. Mit seinen dunklen fragenden Augen sah er mich an: “Wer bist du, der von weit hergekommen ist? Wirst du mich verstehen? Mein Land lieben? Wirst du freundlich sein?” Er begutachtete mich und schien aufgrund meiner Körpergrösse und meines müden Aussehens etwas beunruhigt zu sein. Ich schaute ihm in die Augen, um ihn zu fragen: “Und du, was machst du hier, mutiger kleiner Mann? Bist du bereit, unsere Fragen und Kritiken, unsere oft schlechten aber gut gemeinten Kommentare zu erdulden? Du hast aber nichts zu befürchten, wir sind weltoffene, tolerante und verständnisvolle Reisende. Wir brauchen dich und alles wird gut gehen”. Ich konnte in seinen nun lächelnden Augen lesen, dass wir uns gegenseitig verstehen werden. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Basar, zur grossen Moschee und zum Museum von Peshawar mit seiner wunderschönen Sammlung von griechisch-buddhistischen Objekten. Wir haben die Stupa von Takht-i-Bhai entdeckt, am Ufer der tosenden Fluten des Indus übernachtet, sind dem Nanga Parbat mit seinen 8'000 Metern entlang gefahren, haben eine Tasse Tee am Fusse des Rakaposhi getrunken und schlussendlich zwei unvergessliche Tage in Karimabad verbracht, bevor uns die Reise über den Karakorum-Pass weiter nach China führte.

Asif war einst Reiseleiter bei einer grossen Agentur, aber seine Wesensart und sein Drang nach Unabhängigkeit führten dazu, dass er bald sein eigenes Geschäft gründete. Von diesem Zeitpunkt an war er mein ständiger Begleiter auf Reisen in Pakistan. Schritt für Schritt haben wir uns gegenseitig kennen gelernt. Aufgewachsen in einer Grossfamilie, verliess der rebellische Sprössling in jungem Alter Pakistan, um in Deutschland an einer technischen Hochschule ein Studium zu beginnen, welches er jedoch schon nach einem Semester abbrach, um sich an der Fakultät für Dramaturgie und Pantomime einzuschreiben. Während den Universitäts-Festivalen hat er Deutschland repräsentiert, hat oft die Liebe kennen gelernt und sogar auch einmal die Liebe fürs Leben. Als er aber seine Frau seiner Familie vorstellen wollte, wurde ihm sein Pass beschlagnahmt, um ihn zu zwingen, sich den Bräuchen seines Landes zu fügen. Er musste eine neue Familie gründen, doch deren Glück wird seine Wunden, welche ihm zugefügt wurden, niemals heilen können. Hinter seinem Lachen, seinen Spässen und seiner Lebensfreude verbirgt sich die Sehnsucht und das Bedauern, wie sein Leben hätte verlaufen können.

Ich denke an Asif und die Erinnerungen überschlagen sich: Das für einen ehrwürdigen Teilnehmer einer unserer Gruppen organisierte Polospiel zwischen den Mannschaften von Peshawar und Skardu, die den ersten und zweiten Platz der Landesmeisterschaften belegten, Empfänge beim Mir von Hunza, mit in alte Zeitungen gewickelte und unter dem Tisch herumgereichte Whiskey-Flaschen, ausgelassene Tanz- und Gesangsabende am ersten August (Geburtstag des Agha Khan), Morgendämmerung über der grössten Konzentration an 7000- und 8000-tausender Gipfeln, ein riesiger Hammelspiessbraten auf der Terrasse eines So-etwa-Hotels in Dalbandin, Bauprojekte von Schulen und Unterkünften nach dem schrecklichen Erdbeben von 2005 und vor allem unendliche Diskussionen, die Welt zu verändern. Asif verkörpert wahre Gastfreundschaft und Grosszügigkeit.

Inzwischen gab es den amerikanischen Einmarsch in Afghanistan mit zahlreichen Ausbrüchen in Pakistan. Die Instabilität wächst, die Attentate und die Unsicherheit im Land nehmen zu. Asif ist, wie die Mehrheit seiner Mitbürger, ein unschuldiges Nebenopfer dieses Krieges. Reisende begeben sich seither kaum mehr nach Pakistan. Um zu überleben und seine Familie ernähren zu können, züchtet Asif nun Hühner und pflanzt Reis an.

Wenn Sie Asif kennen lernen und mit ihm reisen durften und wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben, so schreiben Sie ihm einige Zeilen. Dieses Freundschaftszeichen wäre für ihn wie ein Sonnenstrahl in einer finsteren Nacht.

asifz(at)wol.net.pk

François Leresche

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