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Privatreisen 2018-2020
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Erste Einblicke 2019-2020
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28.10.2014

Gast bei Janina

Wenige Dutzend Kilometer nach Ulan Ude verlassen wir die M55, die Hauptverbindung zwischen Moskau und Wladiwostok. Die holprige, durchlöcherte Nebenstrasse verschlechtert sich zusehends und wird zum unwegsamen Feldweg aus gestampfter Erde. Regengüsse behindern die Sicht auf den Strassenrand und wir müssen mehrmals halten. Vorbei an den Überresten einer verlassenen Papiermühle fahren wir zum kleinen, verkannten Dorf Novaya Brian. Man erzählt, dass seine Bewohner Altgläubige seien; Angehörige des orthodoxen Christentums, welche sich der Kirchenreform des 17. Jahrhunderts widersetzten, anschliessend im zaristischen Reich verfolgt wurden und sich im Ausland und im entlegenen Sibirien niederliessen. Denn hier war der Einfluss sowohl der Zaren wie auch der offiziellen Kirche quasi inexistent. Heute gibt es kaum Erinnerungen an diese Glaubensspaltung, das Dorf hat nicht einmal ausreichende Mittel, um sich irgend einen Popen zu leisten, der sich um das Seelenheil der Bewohner sorgt.

Elena, die energetische Vorsteherin einer Frauengruppe des Dorfes, hätte uns gerne ein nahe gelegenes Hunnengrab gezeigt und etwas von der Geschichte der Region erzählt. Aber riesige Wolkenbrüche und Platzregen behindern dieses Vorhaben. So werden wir von einem spontanen Empfangskomitee erwartet.

Drei Huptöne künden unsere Ankunft an und Janina, Maria, Bogdana, Zhenya, Evgeniya, Grusha und Polina treten aus einem Innenhof hervor. In ihre burjatische Nationaltracht gekleidet, werden sie von Aleksei, dem Sohn einer der Damen und seinem Akkordeon begleitet. Warmherzig, aber ein wenig zögerlich begrüssen sie uns, denn wir sind die erste Gruppe, die von diesen rund siebzigjährigen Frauen empfangen wird. Ihre mürrischen, grimmigen Männer bekommen wir nicht zu sehen. Wahrscheinlich misstrauen sie den Aktivitäten ihrer Frauen, die gegen die Verwahrlosung ihres Dorfes kämpfen und mit einer Freiwilligen-Initiative beschlossen haben, Touristen zu beherbergen. - Dies ohne jegliche Erfahrung mit fremden Reisenden, deren Sprache sie nicht verstehen und deren Sitten, Erwartungen und Ansprüche ihnen unbekannt sind. Ich entscheide mich, die übliche Kontrolle der Schlafgelegenheiten sein zu lassen - ich kann mir vorstellen, dass sie alle ähnlich spartanisch sind - und lasse mich vom Moment überraschen. Alekseis’ Akkordeon erklingt und sendet uns die schönste Einladung, in den grünen Innenhof der Isba zu treten.

Der Regen hat aufgehört und die erfrischte Luft hält die Fliegen fern. Wir setzen uns an einen langen, mit einer Plastikblache gedeckten Tisch. Der Anblick der bereitgestellten Flaschen bestätigt uns, dass auch Wärmendes auf uns wartet. Wir unterhalten uns so gut es geht mit unseren mageren Russisch-Kenntnissen und der Hilfe unseres Reiseleiters Chingis, dessen Wortschatz sich jedoch mit zunehmendem Wodka-Konsum reduziert. Das deftige Essen ist köstlich: Frischkäse, Sauerrahm, Tomaten, Gurken, Dill, gegrillte Fische, Pelmenis, Kartoffeln an Sauce, Karotten mit Kohl, geschmortes Schweinefleischragout, Waldbeeren, Kuchen, Äpfel etc. Sogar der Hahn des Hauses musste dran glauben, denn alles stammt aus den Schrebergärten der Damen, die uns die Vorzüge dieser höchst biologischen Nahrung anpreisen. Den Brombeerwein überlassen wir zukünftigen Besuchern und konzentrieren uns auf den selbstgebrannten Wodka, der in dickbauchigen Korbflaschen gereicht wird - so schwer, dass wir zum Einschenken beide Hände benötigen. Die Stimmung entspannt sich zusehends ... und wärmt sich auf! Da packt Aleksei sein Akkordeon und beginnt, eine der unauslöschlichen, russischen Balladen zu rezitieren. Nostalgie über vergangenes und Vorfreude auf erhofftes Glück, Verzweiflung angesichts der vergehenden Zeit und der Rausch der schönsten Momente des Lebens. - Alles ist vorhanden, um die Seele jedes Reisenden aus der Bahn zu bringen! Aleksei spielt und singt virtuos und die Damen, seine Schutzherrinnen, begleiten ihn mit ihren durchdringenden Stimmen. Als er mit den schönsten Liedern Vissotskys beginnt, stimmen wir in den Chor ein, dessen Akzente die stille, sibirische Nacht durchdringen.

Mit einfachen Gesellschaftsspielen, Gesang und Getränk geniessen wir den Abend. Zu fortgesetzter Stunde bieten unsere Gastgeberinnen eine Sauna an, was einige von uns annehmen, im Bewusstsein, dass es in diesem Dorf wohl schwierig sein wird, ein Badezimmer zu finden.

Zu viert begeben wir uns zum Haus von Janina. Hinter einem hohen Holzzaun, inmitten eines Gemüsegartens mit Kohl, Bohnen, Erbsen und Gurken, liegt die einfache, gemütliche Isba aus Holz. Im Hinterhof ist eine Toilette und ein Gehege mit einem grunzenden, dicken Schwein. Janina teilt uns ein paar Sessel und Sofas als Nachtlager zu und verschwindet, um sich von der schweren Tracht zu entledigen. Im Pyjama taucht sie wieder auf und ein Reisegefährte packt aus seinem Vorrat die letzte Wodkaflasche aus. Janinas Augen leuchten vor Freude und sie tippt mit Daumen und Zeigefinger auf ihre Halsschlagader - das Zeichen “noch eine Runde zu trinken”. Sie tischt Salat aus Gurken und Tomaten auf, holt eine Schweinshaxe und eine Platte mit weissem Speck hervor. Wir essen und trinken noch einmal, und kosten diesen letzten Moment der geteilten Freude im Dorf Novaya Brian aus.

In Novaya Brian, der burjatischen Republik Sibiriens gibt es nichts zu sehen, weder ein Museum, noch einen malerischen Kirchturm, weder Palast noch antiken Tempel. Doch es gibt diese Frauen, die sich gegen Wind und Wetter gesträubt und sich entschieden haben, ihr Dorf in der Nacht des 8. Juli 2014 aufleben zu lassen. Sie haben uns ihre Zeit, ihr Lachen, ihren so grosszügig gedeckten Tisch und ihre Lieder geschenkt. Für diesen unvergesslichen Abend hat es sich gelohnt, die lange Reise von 27'000 Kilometern zwischen der Schweiz und Wladiwostok zurück zu legen.

FL

18.08.2014

Lebensspendender Monsun

“Türme kupferfarbener Finsternis bewegen sich der Küste entgegen; das Meer erstrahlt im schillernden Glanz einer übernatürlichen Silberplatte; Blitz und Donner reihen sich pausenlos aneinander und der Regen ergiesst sich in Sturzbächen auf die Erde.”

Erlebte der Seefahrer Hippalus wohl die selbe furchterregende Vision während seiner vom Nordwind getragenen Überquerung des indischen Ozeans im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung? Unbekannt ist, ob er aus seiner Reise Gewinn schlagen konnte. Doch seine Entdeckung der marinen Nutzung der Monsunwinde bestimmte während der nächsten Jahrhunderte den Handel zwischen Orient und Okzident. Ihm wurde die Ehre zuteil, diese Winde mit seinem Namen zu prägen: In der antiken Welt sprach man seither vom “Wind des Hippalus”.

Während langen Monaten fällt kein Tropfen Wasser und von einem Tag auf den Anderen gibt es davon zu viel: Das ist das grausame Paradox des Monsuns. In Indien wird er als Gabe der Götter betrachtet. Seine Ankunft ist ein den Lebensrhythmus bestimmendes Ereignis: Gute Monsune bringen Wohlstand und Gesundheit, schlechte hingegen Hungersnot und Tod. Seine ewige Wiederkehr ist dennoch jedes Mal eine Überraschung: Wird er früh oder spät eintreffen, ergiebig oder schwach sein, sich moderat oder brutal ergiessen? Während Wochen dominiert das Thema sämtliche Zeitungen.

Vor dem Monsunregen schläft das Land und es herrscht drückende Hitze. In Tempeln werden “Pujas” abgehalten: Riten, Opfergaben, Gebete und Gesänge sollen das kosmische Gleichgewicht und die günstige Ankunft des Monsuns garantieren. Denn die Felder sind längst bereit, das lebensspendende Wasser zu empfangen. Wenn im Juni das erste, schwer beladene Wolkenband am Horizont auftaucht und Wind aufkommt, erzittert jedes Bauernherz vor Hoffnung. Wenn die ersten schweren Tropfen zu fallen beginnen, denkt niemand dran, einen Unterschlupf zu finden. Im Gegenteil, mit tiefer, naiver Freude rennen die Menschen ins Freie, um ihre Körper dem regenerierenden, befruchtenden Wasser darzubieten.

Seit den Tagen Kiplings bis heute inspiriert der Monsun zahlreiche Autoren. Einige Werke sind “eine Handvoll Reis” von Kamala Markandaya, welches in den 70-er Jahren viele Reisende zum Träumen brachte oder “der grosse Regen” von Louis Bromfield, der den Leser ins Britisch Indien zwischen den Weltkriegen entführt. Der Bildband “Monsoon” des Fotografen und Fotojournalisten Steve Mccurry hält Momente der grossen Regenfälle fest.

Wenn wir das nächste Mal als einfache Reisende eines dieser legendären, kontrastreichen Länder dem Naturspektakel des Monsun begegnen, so packen wir hoffentlich mit einem Lächeln unsere Regenmäntel und Schirme aus.

cl

14.07.2014

Wege. Seide. Austausch.

Wir befinden uns auf der Seidenstrasse. Inmitten einer unruhigen Nacht erreichen wir unser Etappenziel; auch wenn längst keine Karawanen diese Wege bereisen, belebt das Hundegebell die Dunkelheit. In unseren Tagträumen malten wir uns Bilder von Kamelen auf verwegenen Saumpfaden aus ... vor Ort treffen wir Lastwagen, Güterzüge und Pipelines. Der Handel zwischen Ost und West ist im Wandel und während die Waren sich verändern, besteht der Austausch fort ... dennoch, am Fusse der Zitadelle Ark in Buchara begrüsst uns ein Kamel, ein “echtes”, baktrisches mit zwei Höckern. Die leicht chauvinistischen Einheimischen erzählen, dass die Kamele Transoxaniens nur halb so oft getränkt werden müssen wie ihre mongolischen Cousinen mit einem Höcker.

Die Seidenstrasse ist nicht nur eine Fata Morgana des Westens. Natürlich wird zwischen der Türkei und China ihr historischer Mythos ausgeschlachtet: auf Fassaden von Souvenirläden und Restaurants; auf Englisch für Touristen, auf Russisch, weil dies (noch) die gemeinsame Sprache Zentralasiens ist. Doch in jeder Stadt drängt sich ihre aktuelle Präsenz auf und wird von der heimischen Bevölkerung getragen: In Tashkent wird der Markplatz Tchorsu (die vier Wege) genannt und ist alles andere als touristisch. Im Zentrum von Samarkand, der Hauptstadt des Amir Timur, treffen unter den Kuppeln des Bazars nicht weniger als sechs Handelswege aufeinander. Doch erlebt man eine zeitgenössiche Karawanserei am besten im äussersten Osten Usbekistans, in der einfachen Herberge mit mysteriös klingendem Namen Jipek Joli. In der lokalen Sprache, dem Karkalpakischen, bedeutet dies soviel wie Strasse der Seide.

Entlang der Strasse erzählt sich die Geschichte wie von selbst: Von Maulbeerbäumen gesäumte Baumwollfelder erinnern daran, dass die berühmten Adras-Textilien aus Baumwolle und Seide gewoben wurden. Minarette bezeugen den langen, muslimischen Epos, der sorgfältig gepflegt und dessen strahlende Fayencen während der Sowjetzeit gewissenhaft restauriert wurden. Nagelneue Dörfer von Erdgas-Mitarbeitern erzählen vom modernen Zentralasien. Die Seidenstrasse regt vielleicht zum Schwelgen in der Geschichte an, doch lebt sie heute weiter, sofern man sie bei ihrem ursprünglichen Namen nennt: Die Strasse des Austausches.

EWI

20.05.2014

Von Not Vital bis Wang Shu

Ein Blick auf das China von gestern und heute

2014: Das genfer Museum für Kunst und Geschichte präsentiert dieses Jahr in seinem “Cabinet d'Arts Graphiques” die Ausstellung “Tanter” des bündner Künstlers Not Vital, dessen Name auf Rätoromanisch zwischen bedeutet (zwischen zwei Länder oder zwei Kulturen...). Für mich ist es eine grosse Ehre, diesen bemerkenswerten Künstler kennen zu lernen, der möglicherweise in Asien bekannter ist als in der Schweiz.

2011: Vor drei Jahren besuchte ich in Peking die Fabrik 798 - auch Beijing 798 Art District genannt* - wobei mich meine Schritte bis zum UCCA (Ullens Center for Contemporary Art) führten. Hier im Herzen Pekings entdeckte ich erstmals den schweizer Künstler. Sofort begeisterte mich seine aussergewöhnliche Arbeit und ich erkannte die Weltoffenheit der Galerien in China. Gleichzeitig erfuhr ich, dass Not Vital eine Werkstatt in Peking hat, denn die 640 Hektaren der Fabrik 798 werden an die Künstlergemeinschaft vermietet. Der Kunstbezirk wurde so im vergangenen Jahrzehnt zum symbolischen Ort der Kultur, renommierte Künstler stellen hier ihre Kreationen aus und verschaffen mit ihrer Ausstrahlung der zeitgenössischen Kunst Chinas internationale Bekanntheit.

2014: Der neue Hochgeschwindigkeitszug bringt mich quer durch China, nach Shanghai, in die Perle des Orients, in eine der faszinierendsten Städte der Welt. Auch hier floriert zeitgenössische Kunst und die Liste deren Museen ist lang: der M50 Art Disctrict, das MOCA (Museum für Zeitgenössische Kunst), das Art Minsheng Museum, das Art Zhu Qizhan Museum etc. - Ich betrete das RAM (Rockbund Art Museum), eines der dynamischesten Privatmuseen von Shanghai, das in einem Art Deco Gebäude der 30er Jahre angesiedelt ist. Hauptaufgabe dieses Museums ist es, die Akademie für Bildende Kust in Hangzhou zu unterstützen, um so neue Projekte zu schaffen und zu entwickeln.

Ich nehme die Spur der zeitgenössischen Kunst auf und fahre nach Hangzhou: Hier realisierte der Architekt Wang Shu (kürzlicher Gewinner des Pritzker-Preises) den neuen Campus der chinesischen Hochschule für Künste und weitere Gebäude. Die meisten seiner Werke befinden sich jedoch in Ningbo. So folge ich weiter meiner Spur und überquere die Bucht von Hangzhou auf der 36km langen trans-ozeanischen Brücke, welche Shanghai mit Ningbo verbindet. Hier bestaune ich mehrere von Wang Shu erbaute Werke wie die “Fünf Verstreuten Häuser” und die bemerkenswerten Kunst- und Geschichtsmuseen.

Schwindelerregende Moderne verknüpft mit Traditionen, in meinem Kopf vermischen sich die Eindrücke, Namen und Gewissheiten: Herzog & de Meuron und Wang Shu. Not Vital und Ai Wei Wei. Rietberg und MOCA. Die Schweiz so klein und China so gross, jedoch so ähnlich und manchmal so nah.

Dies ist die Gelegenheit, wieder einmal nach China zu reisen und die Kontraste zwischen Tradition und Moderne aufzusaugen: die Verbotene Stadt und das UCCA in Peking, den Yu-Garten und das RAM in Shanghai, die Pagode der Sechs Harmonien und der Campus in Hangzhou.

CL

*Ausstellungszentrum mit Gallerien zentgenössischer Künstler in Gebäuden einer stillgelegten Munitionsfabrik im von der DDR geprägten Bauhaus-Stil.

17.04.2014

Pamir - Mitte oder Ende der Welt?

Wo westlich des Himalaya die Gebirgsmassen des Karakorum, Hindukush und das Himmelsgebirge Tian Shan aufeinander treffen, befindet sich der Pamir, eine der am wenigsten erschlossenen Regionen dieser Welt. Betrachtet man die Weltkarte, liegt diese jedoch in der Mitte des eurasischen Kontinents. Eine Berglandschaft von atemberaubender Schönheit, bewohnt von einem Volk persischer Abstammung, welches bis in die abgelegensten Dörfer eine Aura an Kultiviertheit bewahrt und Fremden mit freundlicher Neugier begegnet. - Gleichzeitig Zentrum und Ende der Welt zu sein, gibt dem Pamir etwas mythisches und lässt unsere Reiseherzen höher schlagen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt diese Region als “Der geografische Drehpunkt der Geschichte”, dessen Beherrschung der Schlüssel zur Weltherrschaft war. Die beiden Kontrahenden, das zaristische Russland mit seinem Riesenreich zu Lande und die britische Seemacht, lieferten sich im “Great Game” einen erbitterten Wettstreit um die Vorherrschaft der Welt. Um keine gemeinsame Grenze zu teilen, wurde schliesslich der Pufferstaat Afghanistan geschaffen, dessen Hoheitsgebiet im Wakhan-Tal, im äussersten Nordosten nur wenige Kilometer breit ist.

Wir reisen entlang der einstigen Demarkationslinie der Interessen- und Einflusssphären. Während jenseits des Panj-Flusses, der die Grenze zu Afghanistan darstellt, ein Maultierpfad die Ansammlungen an Bauernhäusern verbindet, herrscht diesseits, auf tadschikischem Boden, ein bescheidener Wohlstand. Eine solide, in den Felsen gehauene Strasse verbindet Dörfer dessen Grundausstattung aus einem winzigen Lebensmittelladen, einer Krankenstation und manchmal sogar einer Tank- und Bushaltestelle bestehen. Überall begegnen wir Kindern und Jugendlichen auf ihrem Schulweg. Ihre gepflegte Uniform aus strahlend weissem Hemd, Krawatte, schnittigem Pullover oder Blazer und polierten Schuhen steht im Kontrast zum einfachen Landleben. - Diese Überbleibsel der Infrastruktur eines einst funktionnierenden Grossreichs konnten bewahrt werden, trotz über 20-jähriger Vernachlässigung.

Im Gespräch mit den Einheimischen kommt Nostalgie auf: Gerne erinnern sie sich zurück an die Zeiten, an denen Garnisonen das “Ende der (russischen) Welt” säumten. Denn mit den Menschen aus der Ferne kam eine Infrastruktur, Handel und Möglichkeiten für einen besseren Broterwerb. Viel hatten sie damals auch nicht, aber es reichte. Heute leben sie zwar immer noch am “Ende der Welt”, jedoch deckt der Ertrag des Bergbauern-Daseins knapp einen Viertel des zum Überleben Notwendigen. Die Hoffnung und das Glück liegt heute wie früher im reichen Russland, denn in den sibirischen Städten Tomsk, Omsk, Jekaterinburg und wie sie alle heissen, findet die junge und gut ausgebildete Generation mit etwas Glück eine Anstellung und kann genügend Geld nachhause senden, um ihre Familie zu ernähren. So trotzen die Pamiris in den Wirren des Weltgeschehens ganz vergessen zu werden und bewahren ihre althergebrachten Traditionen.

Nur eine Handvoll Reisende zieht es in den Pamir, zu beschwerlich die Reise, zu unsicher die Witterung, kein Erstklassehotel oder schlichtweg zu Unbekannt ... Diejenigen, die es trotzdem wagen, erzählen mit leuchtenden Augen von atemberaubender Natur, herzlichen Begegnungen, heimeligen Pamiri-Häusern und einem sehr harten Leben. Das mag banal klingen, doch liegt im Pamir die Schönheit im Einfachen. Sein Zauber lässt sich einfach nicht in Worte fassen. - Das Ende der Welt in der Mitte der Welt, was ist sein Geheimnis? Ich denke, dass jeder Pamir-Reisende darauf seine eigene Antwort findet.

CM

01.04.2014

Dashahara von Mysore

lokale Legende eines indischen Volksfestes

Am zehnten Tag der mondhellen Hälfte des Hindu-Monats Ashvayuja* wird in Indien das Fest Dashahara gefeiert. Dieses Siegesfest des Guten über das Böse zählt zu den höchsten religiösen Feiertagen der Hindus und hat eine wichtige soziale Bedeutung. Jedoch unterscheiden sich wie viele hinduistische Feste nicht nur die Bräuche, sondern auch die zugrunde liegenden Legenden von Region zu Region:

In Nordindien steht der Königssohn Rama aus dem grossen Epos Ramayana im Zentrum der Verehrung. Gefeiert wird sein Sieg über und die Zerstörung des Dämonenkönigs Ravana, welcher Ramas Ehefrau Sita entführte. In Mysore im Bundesstaat Karnataka, in Südindien, hat dieses Fest eine eigene Ausprägung und beruht auf einer ganz anderen, weniger bekannten Legende:

Einst regierte über der Stadt Mahishasura Ouru (davon leitet sich Mysore ab) der schreckliche Büffeldämon Mahishasura. Er war so mächtig, dass ihn keiner der Götter des hinduistischen Pantheon besiegen konnte. Um Mahishasura zu besiegen, vereinigten die Götter alle ihre Kräfte und Gedanken und schufen die Göttin Durga, welche sie mit ihren stärksten Waffen austatteten. In strahlender Schönheit erschien Durga auf einem Hügel und zog den Büffeldämon gleich in ihren Bann. Er nahm den Kampf mit ihr auf, doch zwang sie ihn mit ihren 18 Waffen in die Knie und erschlug ihn. - So erhielt Durga den Beinamen Mahishashuramardini “diejenige, die den Dämon Mahishasura tötete”.

Mit besonderem Aufwand und Solz wurde seit Menschengedenken in Mysore dieser Sieg des Guten inszeniert und gefeiert. Bereits im 15. Jahrhudert berichtete ein persischer Gesandter und Gast am damaligen Vijayangar Königshof von dessen Pracht und Pomp. Zwar ist heute der Glanz der Rajas und die damit verbundenen, prukvollen Königsfeste verblasst, doch wird die Tradition dieses Festes weiter gepflegt: Das Dashahara-Fest hat seinen sakralen Charakter bewahrt und ist gar zum höchsten Fest des Bundesstaates Karnataka geworden.

Eine grosse Menschenparade zieht prunkvoll gekleidet, geschmückt und von Blaskappellen begleitet durch die Stadt: Schulklassen, Studenten, Quartiervereine, Männer- und Frauengesellschaften, Klubs, Beamte, Krankenschwestern, verschiedenste Zünfte, Asketen, geschminkte Götter, Angehörige von Bergstämmen die zum Anlass aus ihren Wäldern kommen, kriegerische Tänzer und Trommler ... alle bewegen sich zu Fuss oder auf Prozessionswagen, singend oder schweigend dem grossen Tempel entgegen. Der unvergessliche Umzug ist heute ein Fest der einfachen Leute, er bietet viel Raum für Überraschungen, Spontanität und zieht Tausende von Zuschauer an.

XL

* nach modernem Kalender Anfang/Mitte Oktober

24.02.2014

Tempelberg in Japan

Erst der Wecker, dann ein sanftes Türklopfen begleitet von „good morning“ reisst uns aus dem Schlaf. “Nochmal umdrehen und ein Stündchen weiterschlafen” – sind meine ersten Gedanken, doch ist meine Neugier zu gross. So krieche ich unter der wohlig warmen Decke hervor und ziehe mich so schnell wie möglich an, denn es ist kalt in den ungeheizten Räumen des Klosters. Wenige Minuten später werden wir abgeholt und zur morgendlichen Zeremonie geführt.

Wir befinden uns auf dem Berg Koya-san, eine im 9. Jahrhundert gegründete Tempelsiedlung und Zentrum des japanischen Shingon Buddhismus. Heute beherbergt der heilige Berg über 100 Klöster, wovon rund die Hälfte Übernachtungen für Pilger und Touristen anbietet. Am Vorabend waren wir von der schroffen Küste mit diversen Zügen und einer Standseilbahn auf den Berg gereist. Ein freundlicher, junger Mönch begrüsste uns in „unserem“ Kloster und beeindruckte uns durch sein fliessendes Englisch. Er zeigte uns fröhlich plappernd unser Zimmer sowie die weiteren Räumlichkeiten und Gärten des Klosters. Ewas erstaunt, an solch entlegenem Ort auf so viel Weltgewandtheit zu stossen, fragten wir ihn, wie er zum Mönchsleben gekommen sei. Breit grinsend schüttelte er den Kopf und erzählte, er sei lediglich ein Student aus Osaka, der gerne an Wochenenden und in den Ferien an diesen Ort komme und im Kloster helfe.

Der Tempelberg zieht uns in seinen Bann: Fast jedes Haus ist im traditionellen Stil aus Holz mit Papier-Schiebewänden gebaut. Den Grund zwischen den Gebäuden zieren perfekt angelegte Gärten, die harmonische Miniaturlandschaften aus Stein, Wasser und Pflanzen bilden – alles minutiös geplant und akribisch gepflegt. Der Haupttempel, Kongobu-san, ist voller gut gelaunter Pilger, mit denen wir während einer Zeremonie Tee und Gebäck teilen. Wir bestaunen seinen riesigen, perfekt gerechten Steingarten und fragen uns mit welch akrobatischen Fähigkeiten die Mönche wohl von Stein zu Stein springen ohne im Kies Spuren zu hinterlassen. Mystische, beinahe magische Stimmung herrscht auf dem Weg zum Okuno-in, dem Mausoleum des Begründers des Shingon Buddhismus, Kobo Daichi oder Kukai. Seit Jahrhunderten lassen Gläubige hier im Schatten der hohen Bäume in der Nähe ihres spirituellen Idols ihre Asche beisetzen. Der Pfad führt vorbei an unzähligen steinernen, mit Moos bewachsenen Gräbern; Nebelschwaden ziehen vorbei und zwischen kurzen Regenschauern erleuchten durch die Bäume einfallende Sonnenstrahlen einzelne Gräber – ein faszinierendes Schauspiel der Natur.

Nach einem Tag voller Eindrücke genossen wir abends in "unserem" Kloster ein traditionelles Bad im Kloster-eigenen Onsen und wickelten uns in die zur Verfügung gestellten Baumwollkimonos, Yukata. Um punkt Sieben holte uns unser Student aus Osaka im Zimmer ab und begleitete uns in einen privaten Essraum: Ganz traditionell wird auf dem Boden sitzend ein Menu aus vegetarischen Häppchen serviert. In mindestens zehn Schälchen und Tellern sind die unterschiedlichsten Speisen angerichtet; jede birgt ihren eigenen Geschmack und Konsistenz und da wir auf einem buddhistischen Tempelberg sind, ist alles strikt vegetarisch.

Noch vor der Morgendämmerung beginnt die Zeremonie. Die Mönche sitzen bereits im grossen Gebetsraum, als wir mit zahlreichen weiteren Pilgern und Reisenden hinzukommen. Zwischen Gongschlägen werden Gebete rezitiert, die Pilger legen Briefe mit ihren Wünschen und Anliegen in eine Schale und werden gesegnet. Bei der anschliessenden Feuerzeremonie werden die auf Papier geschriebenen Wünsche verbrannt und himmelwärts gesendet. Wünsche haben wir keine, wir sind einfach dankbar, für kurze Zeit Teil dieses magischen Ortes zu sein.

CM