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Die Seidenstrassen, mein Buch der Wunder

Meine ersten Begegnungen mit den Seidenstrassen begannen zu einer Zeit, in der viele Grenzen als unüberwindbar galten. Denn nur durch Wüsten, endlose Steppen und über einzelne Himalaya-Pässe gelangte man in den Orient. Die Anreise war lang und manchmal riskant: Sie führt durch die Halbwüsten Zentralasiens, die Bergtäler Nordpakistans, vorbei an den verschneiten Himalaya-, Karakorum- und Hindukuschgipfeln, durch das endlos weite Westchina. Oft sass ich Zöllnern gegenüber, die zwar freundlich, aber in dieser hart umkämpften Region wenig geneigt waren, in ihren restriktiven Vorschriften Kompromisse zu finden.

Dennoch wurde jeder Versuch die Grenzen zu Überwinden ein Erfolg mit aussergewöhnlichen Entdeckungen und vielen atemberaubend schönen Landschaften. Einer nach dem Anderen öffneten sich die historischen Pässe wieder: Der Khunjerab-Pass auf 5'000 m zwischen Pakistan und China, die Strasse von Kathmandu nach Lhasa, die Pässe Torugart und Irkeshtam zwischen Kashgar und Kirgistan, der Khorgas Pass, der Grenzposten von Tashanta... von Reise zu Reise konnte ich Elemente eines gigantischen Puzzles sammeln, um das einzigartige Schicksal der Seidenstrassen nachzuzeichnen.

Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, welchen Beitrag diese Kommunikationswege zum kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Aufschwung der tangierten Länder leisteten. Während 2000 Jahren verbanden Karawanen die florierenden Reiche China, Persien, Griechenland, Rom, Indien, Byzanz und trugen mit sich Handelswaren, die sie gegen andere tauschten. Natürlich war die Seide ein beliebtes Gut, aber auch Edelsteine, Porzellan, Woll- und Leinenstoffe, Jade, Bernstein, Elfenbein, Lackwaren, Gewürze, Glas, Muscheln, Edelmetalle, Waffen und vieles mehr wechselten den Besitzer. Über die Seidenstrassen kamen Kichererbsen, Auberginen, Senf, Knoblauch, Zwiebeln, Spinat, Salat, Rosen und Wein nach Westen. Massgebliche Technologien wie das Astrolab, Kanonenpulver, Papiergeld, der Pflug, Kompass und die Drucktechnik gelangten zu uns. Über diese etwas rätselhaften Wegen haben wir auch Algebra, Algorhythmen, Astronomie und einen guten Teil unserer Medizin erhalten.

Doch die Seidenstrassen waren nicht nur Routen von Händlern. In den Karawanen trafen sich nebst Kaufmännern auch Abenteurer, Reisende, Weise, Philosophen und Geistlische. An den antiken Kreuzwegen entstanden und verbreiteten sich die grossen und universellen monotheistischen Religionen: Zoroastrismus, Judentum, Christentum in diversen Formen wie Nestorianismus und Manichäismus und der Islam - Bis weit nach China etablierten sie sich. In entgegengesetzter Richtung reisten die Ideen des Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus und Hinduismus. Sie konfrontierten sich, widersprachen sich manchmal und vermischten sich oft.

Die Seidenstrassen waren eine Lernprozess unserer Welt und ein aussergewöhnliches Buch der Geschichte, Geographie, Wissenschaft und Religion - ein Buch der Wunder, von denen ich auf jeder Etappe einige Seiten kosten durfte: Antiochien, Buchara, Samarkand oder Kashgar - klangvoll sind die Namen dieser mythischen Orte.

FL

26.06.2015

Ramayana - ein Märchen berührt die Welt

“Es war einmal ein Königreich Ayodhya in Indien, dessen König hatte keine Söhne. So beschloss er, ein Pferdeopfer zu bringen und neun Monate darauf gebaren ihm seine drei Ehefrauen vier Söhne. Der prächtigste unter ihnen war Rama. Als er grösser wird, begegnet er während einer Jagd auf Dämonen der schönen Prinzessin Sita eines benachbarten Königreichs. Er verliebt sich und heiratet sie - natürlich erst nachdem er einige Prüfungen bestanden hatte.

Doch wird der Thronfolger Rama das Opfer von Machtspielen des Palastes von Ayodhya und muss für 14 Jahre in die Verbannung. Seine Frau Sita und sein Bruder Lakshmana begleiten ihn. Alleine im Wald müssen sie sich gegen Dämonen und Ungeheuer behaupten. Doch dem gefährlichen Dämonen Ravana gelingt es, Sita mit einer List auf die Insel Lanka zu entführen. Rama bittet den Affenkönig Hanuman um Hilfe. Zusammen mit seiner Armee von Affen befreit er Sita aus den Fängen von Ravana. Glücklich kehren sie in den Palast zurück. Doch zweifelt Rama an Sitas Treue, weshalb sie sich einer Feuerprobe unterzieht und alle Zweifel aus der Welt geschaffen werden.”

Die phantastischen Geschichten des Ramayana aus dem 5. oder 4. Jh vor unserer Zeitrechnung haben von Indien bis Kambodscha, vom Himalaya bis Sri Lanka die Mythologie, Kunst und Religion des gesamten südlichen und südöstlichen Asiens geprägt. Voller Witz und Wunder gesät mit charmanten Vor- und fürchterlichen Feindbildern berührt sie heute wie schon vor Tausenden von Jahren die Herzen von Alt und Jung.

Auf den Steinreliefs von Angkor Wat im heutigen Kambodscha bestaunen wir die Befreiung von Sita und den wirren Kampf zwischen den Affenkriegern und Dämonen. In indischen Hindu-Tempeln wird Rama als Avatar des Gottes Vishnu verehrt; ob in den uralten Steinreliefs von Hampi in Karnataka, Mahabalipuram in Tamil Nadu oder auf den riesigen Tempeltürmen von Madurai. Sogar im entfernten Vietnam begegnen wir in den Ruinen vom My Son dem Affenkönig.

Im buddhistischen Luang Prabang, Mandalay und Bangkok wie auch im hinduistisch geprägten Kochi erwecken virtuose Tänzer und Tänzerinnen die Szenen des Ramayana allabendlich zu neuem Leben: Zu klangvollen Rhythmen, bekleidet in goldbestickten, bunten Kostümen in kunstvollen Masken tanzen Rama, Sita, Ravana und Hanuman über unzählige Bühnen.

Viele Kunstformen wie Miniaturmalerei des nördlichen Indiens, Marionetten- oder Schattentheater hätten ohne die zauberhaften Geschichten des Ramayana wohl kaum solch Beliebtheit erlangt und Ausbreitung erfahren. In jedem Museum und Tempel begegnet man seinen Szenen und Geschichten. Auch aus Fernsehserien und Spielwarenläden sind die Protagonisten des Ramayana kaum wegzudenken.

Das einstige Königreich Siam nannte sogar ihre Hauptstadt Ayutthaya und das heutige Thailand nennt ihren König Rama.

Kaum ein Märchen hat Religion, Kunst und Verhaltensideale so geprägt wie der Ramayana. Ob Sie nach Indien, Sri Lanka, Burma, Laos, Thailand, Vietnam oder Kambodscha reisen, halten Sie Ihre Augen offen und lassen Sie sich die lokale Version des Epos erzählen.

CM

05.03.2015

Jiayuguan

westliches Tor der Grossen Mauer

Im neunzehnten Jahr seiner Herrschaft (1540) baute der Kaiser Jiajing der Ming-Dynastie die Festung Jiayuguan aus. Sie wurde zum ersten Übergang am Westende der grossen Mauer und thront bis heute stolz auf dem “Pass von Jiayu” im Hexi Korridor. Der schmale, fruchtbare Landstrich zwischen Bergen und Wüste bot seit Menschengedenken die beste und wichtigste Verbindung zwischen dem Orient und Indien. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Karawanen nach Jiayuguan:

Ost

Von Peking im Osten kamen die Händler mit ihren Waren, Eindrücken und Geschichten aus dem Herzen der chinesischen Zivilisation. Ihr Weg führte sie vorbei an einigen der wichtigsten Kulturstätten des Landes nach Lanzhou. Von da folgten sie dem Hexi Korridor und mussten Jiayuguan passieren.

Süd

Im Süden liegt das Qilian Gebirge mit seinen zum Greifen nahen, imposanten Schneebergen. Sie sind das Vorgebirge des Qinghai-Plateaus. Die höchsten Gipfel ragen 6000 und 7000 Meter in die Höhe und bilden eine natürliche Barriere zum tibetischen Hochland. Zwischen der Festung und dem ersten Steilhang der Qilian-Berge verläuft ein Schutzwall der Grossen Mauer.

Mitte - Die Festung

In der Mitte liegt die Festung Jiayuguan. Das imposante Bollwerk diente als Riegel zum Schutz der chinesischen Zivilisation vor einfallenden Nomadenstämmen aus den Nordwestlichen Steppen. Die von Osten kommenden Karawanen mussten die Festung passieren. Hier wurden Reisebewilligungen kontrolliert, offizielle Einladungen angefragt und Papiere zur Weiterreise ausgestellt.

West

Gegen Westen öffnen sich die Weiten des Okzidents. Gleichzeitig wurde hier die Reise der Karawanen zum Abenteuer: Sandstürme der Wüsten Gobi und Taklamakan, ständige Angst vor Überfällen, kaum bezwingbare Bergketten des Pamir und Tienshan (Himmelsgebirge), und weitere Steppen, Wüsten und Oasen - viele Hindernisse bis zu den Märkten des Mittelmeers. Der Respekt vor den Gefahren der Reise nach Westen und die Dankbarkeit der Rückkehrenden bewogen wohl zahlreiche Händler zum Versuch, die Gunst himmlischer Kräfte für sich zu gewinnen: In der 12 Tagesmärsche westlich gelegenen Oase Dunhuang liessen sie buddhistishe Grottentempel anlegen und in Mogao und Yulin entstanden hunderte von bunt bemalten Höhlen mit Darstellungen tausender Buddhas.

Nord

Im Norden erstrecken sich die Schwarzen Berge, die hinter sich farbige Dünen und mysteriöse, im Sand versunkene Städte der Gobi verstecken. Diese menschenfeindliche Landschaft bietet kaum Wasser, um das Vieh zu tränken und birgt die Gefahr von Wegelagerern angegriffen zu werden. Dennoch baute das Reich der Mitte ihre Grosse Mauer quer durch diese Landschaft über die Steilhänge der Berge. So führte für die von Osten kommenden Karawanen kein Weg an der Festung von Jiayuguan vorbei.

Nicht nur einmal hat dieser von Nord nach Süd verlaufende Verteidigungswall mit seiner Festung am “Pass von Jiayu” das Reich der Mitte vor einfallenden Angreifern bewahrt.

Vom Mittelmeer sind wir auf dem Landweg über Isfahan, Shiraz, Samarkand und Kashgar gereist. Wüsten, Steppen und Berge haben wir überwunden und uns von malerischen Oasen bezaubern lassen. Nach wochenlanger Reise gelangen wir endlich durch das westliche Tor in die Welt der chinesischen Zivilisation - ein wichtiger Moment auf unserem Weg in Richtung Beijing.

XL

13.02.2015

Begegnungen im Pamir

Die Mitte des eurasischen Kontinents ist von Gebirge geprägt: Wo Tienshan, Kunlunshan, Karakorum und Hindukush aufeinander treffen, breiten sich die Hochebenen und Täler des Pamir aus. Diese abgelegene, in politischer Bedeutungslosigkeit versunkene Region birgt jedoch zahreiche Überraschungen und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Das stolze Volk der Pamiris bewoht die Täler im südlichen Tadjikistan. Umringt von usbekischen, tadjikischen, kirgisischen und afghanischen Völkern sind die Bewohner des Pamir persischer Abstammung. Hellhäutig und von mittelgrossem Körperbau, bezeugt ihr fast südeuropäisch anmutendes Aussehen die Verwandtschaft zum einige Tausend Kilometer entfernten Persien. Ihr reiner persischer Dialekt gilt bis Teheran als besonders schön, ihre Schiitisch-Ismailitische Religion hebt sie von den umliegenden islamischen Konfessionen ab.

Schamsija

Im Markt von Khorog, dem wirtischaftlichen Zentrum des Pamir, kommen wir während hartnäckigem Feilschen um ein T-Shirt mit Schamsija ins Gespräch. Sie lädt uns nach Feierabend zu sich nach Hause ein, was wir unter der Bedingung annehmen, dass wir nur kurz zu einem Tee bleiben können. Natürlich hat Schamsija der Landessitte üblich trotzdem ein volles Mahl vorbereitet, so schlürfen wir in der kleinen Küche an einer wunderbar schmackhaften Fleischsuppe. Wir lernen ihren Mann und ihre beiden Enkel kennen - erstaunlich, denn die Frau hat eine jugendliche Ausstrahlung und sieht kaum älter aus als 30. Sie erzählt aus ihrem Leben: mehrere Monate pro Jahr arbeitet sie als Krankenschwester jenseits der Grenze in Afghanistan. Sie erzählt vom dortigen schweren Leben der einfachen Dorffrauen. Stolz und glücklich ist sie als Frau in Tadjikistan, denn hier hat sie eine Ausbildung erhalten und kann frei und selbstbestimmt leben. Etwas ausserhalb von Khorog hat sie ein kleines Haus gekauft, das sie ausbauen und in dem sie Gäste beherbergen möchte. Doch bis dafür genügend Geld vorhanden ist, arbeitet sie in Afghanistan, greift ihrem Mann unter die Arme, der im Bazar DVD’s russischer und chinesischer Action-Filme verkauft, kümmert sich um ihre Enkel und hilft ihren erwachsenen Kindern, die in Russland als Gastarbeiter Stellen gefunden haben.

Jasmin

Ein paar Tage später treffen wir hoch über dem Wakhan-Tal, bei den heissen Quellen Bibi Fatima, die junge Jasmin. Sie hilft in einem kleinen lokalen Hotel aus und bringt uns Tee, für den sie uns nicht bezahlen lässt, uns statt dessen in ihr Zuhause im Tal zu einem weiteren Tee einlädt. Per Mobiltelefon informiert sie ihre Mutter: “bin mit 10 Gästen im Anmarsch”. Durch einen blühenden Gemüsegarten gelangen wir zum relativ grosszügigen und fein säuberlich aufgeräumten Haus, in dem Jasmin mit ihrer Mutter, zwei Schwestern und kleinem Bruder lebt. Die Mutter ist eifrig in der Küche, denn obwohl wir insistieren, dass wir wirklich nur Tee trinken möchten, hat sie mit der Zubereitung eines Mahls begonnen - denn so verlangt es die Tradition. Mit etwas Diplomatie und da wir nur ausländische Gäste sind, lässt sie sich schliesslich überzeugen, die Tradition etwas zu verbiegen. So wird statt einer Mahlzeit eine grosse Platte mit Bonbons und Süssigkeiten hervorgezaubert und eilends von Nachbarn herbeigeholtes Brot aufgetischt. Stolz stellt Jasmin ihre Familie vor: Eine ihrer Schwestern studiert Mathematik und Physik, die andere Medizin. Beide verbringen gerade die Sommerferien zuhause. Jasmin hat bereits vor 2 Jahren ihr Studium als Krankenpflegerin beendet. Da sie keine Arbeit findet, wohnt sie im Dorf und jobbt im kleinen Hotel. Chancen zu heiraten gibt es kaum, denn mit 25 gilt sie nicht mehr als Jung, gleichaltrige Männer des Tals leben in Dushanbe oder verdienen als Gastarbeiter in einer russischen Grossstadt einen Lebensunterhalt. Trotzdem hofft sie, eines Tages eine Arbeit zu finden.

Quer durch den Pamir haben wir eine Region bereist, dessen Bergwelt ihresgleichen an Schönheit und Abgeschiedenheit sucht, dessen Bewohner ein karges und entbehrungsreiches Leben führen. Doch ob im kleinen Museum des Lehrers von Yamg, auf dem wöchentlichen afghanischen Markt in Ishkashim, im Gästehaus in Murgab oder in der Sommerjurte einer Nomandenfamilie auf der Hochweide ... überall begegneten wir stolzen und offenen Menschen, die uns mit einer einzigartigen Gastfreundschaft empfingen und uns berührten.

CM