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An den Ufern des Mekongs ... von Houaixay nach Luang Prabang

Wir besteigen das wunderschöne Boot aus Teakholz, in dem wir während der nächsten zwei Tage auf dem Mekong flussabwärts gleiten werden. Während der lokale Dorfalltag die Flussufer belebt, geben wir uns dem Rhythmus des grossen Stroms hin. Schroffe, vom Dschungel überwucherte Felszacken umgeben uns. Dazwischen liegen Reisfelder und diverse Plantagen. An kleinen Sandbänken des Flussufers trinken Büffel. Die Häuser der zahlreichen, winzigen Dörfer stehen auf Stelzen und sind mit Stroh bedacht. Einsame Fischer richten im Fluss ihre Netze, Kinder plantschen jauchzend im trüben Wasser und winken uns vergnügt lachend zu. Ab und zu donnert ein lokales “Speed-boat” an uns vorbei - das schnellste, lokale Fortbewegungsmittel.

In der Nähe eines kleinen Dorfes machen wir Halt und gehen an Land. Schon am Flussufer begrüsst uns eine Kinderschar, die uns in ihr Dorf auf dem Hügel begleitet. Unvergesslich intensiv sind diese Momente, die wir mit diesen Kindern teilen; trotz grosser Armut strahlen sie eine unglaubliche Lebensfreude aus. Die Frauen des Dorfes zeigen uns ihre gewobenen Kunstwerke aus Seide. Dieses traditionelle Kunsthandwerk wird von Mutter zu Tochter weiter gegeben und hat in Laos den selben, hohen Stellenwert wie Tanz und Musik.

Als sich der Tag neigt, verlassen wir das Boot, um über dem Mekong und umgeben von üppiger Vegetation in einer schönen Lodge die Nacht zu verbringen. In der Morgendämmerung liegt ein dicker Morgennebel über dem Fluss. Allmählich lichtet er sich, während der Tag erwacht und wir auf der Terrasse ein feines Frühstück geniessen.

Wir nehmen unsere gemütliche Bootsfahrt wieder auf. Doch mit jeder Stunde steigt die Spannung und ungeduldig sehnen wir uns Luang Prabang herbei. Keine Sekunde zweifeln wir, dass unsere Erwartungen durch die Schönheit der Stadt grosszügig erfüllt werden ... und dann taucht sie auf, hoch über dem Mekong, im Abendlicht schimmernd - eine Augenweide. Umgeben von Dschungel und Bergen liegt dieses einzigartige Juwel, dessen einziger Zugang lange Zeit der Mekong war.

Reich an architektonischem Erbe und heiligen Kunstwerken ist die Stadt voller atemberaubend schöner und glitzernder buddhistischer Tempel. Inmitten spektakulärer Naturlandschaft strahlt sie tiefe Spiritualität aus, denn die Religion begleitet jeden Laoten durch den Alltag. Er findet darin innere Harmonie und persönliches Wohl. Die traditionelle Almosen-Prozession tak bak wird jeden Morgen zelebriert. Im Morgengrauen verlassen die Mönche ihre Tempel und gehen mit ihren Bettelschalen schweigend und in Einerreihe durch die Stadt. Die Bewohner erwarten sie bereits mit frischen Speisen am Strassenrand. - Ein traditionelles Ritual, bei dem jeder Spender im Gegenzug gesegnet wird.

Die Ruhe der Fahrt auf dem Mekong und der Glanz der alten Königsstadt Luang Prabang; auf feenhafte Weise hält sie dem Lauf der Jahrhunderte stand - es ist als sei hier die Zeit stehen geblieben ...

CB

Der Puppenspieler von Khimsar

Gebüsche und trockene Felder prägen die Ebene - eine schmale, gerade Strasse führt mitten hindurch - immer wieder kreuzen Kühe, Schafe, Ziegen oder Hühner den Weg - Lastwagen und beladene Kamele schreiten uns entgegen ... in Indien ist jede Überland-Fahrt ein Wechselspiel an Eindrücken. Zu Fuss, per Kamel, auf Lastwagen oder selbstgebasteltem Traktor, mit Tata, Toyota oder Mercedes - auf den Verkehrsadern des Landes ist alles unterwegs.

Seit einer Woche sind wir drei Frauen bereits mit unserem Fahrer Kuldeep im Westen Indiens unterwegs. In Rajasthan, dem “Land der Könige” tauchen wir ein in die prunkvolle Welt des Mogul Königreichs, das vom 16. bis 19. Jahrhundert dem Land eine Ära von Stabilität und kultureller Blüte brachte. Wir staunen über die Feinheit der Monumente und die vielen Parallelen mit der Persischen Kunst und Architektur. Viele Paläste und Festungen haben wir besucht, viele bereichernde Begegnungen und Diskussionen gehabt, und wir wurden nach Strich und Faden verwöhnt.

Die lange Fahrt durch die Steppe unterbrechen wir im unbedeutenden Ort Khimsar. Wir finden ihn kaum auf unserer Karte und unser Fahrer Kuldeep jammert, dass es viel bessere Etappenorte gäbe ... Entsprechend gering sind unsere Erwartungen, als wir uns dem kleinen Dorf im Schatten einer Festung nähern: Enge Gassen, gesäumt von einfachen Verkaufsbuden ... ein Wirrwarr von Menschen, Kühen, Hunden, Hühnern und hupenden Motorrädern ... dann die Festungsmauer und ein Tor mit Wächter.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Im Inneren der Mauer ist es ruhig. Eine schöne Auffahrt, gepflegte Gärten, ein riesiger Empfangsraum, verschiedene mehrstöckige Gebäude aus Sandstein. Das ganze Fort ist ein Palast und der Palast ein Hotel, dessen Gäste wir für eine Nacht sein dürfen. Doch ist es nicht das polierte, pompöse Palastgehabe, wie wir es schon an vielen anderen Orten erlebt haben. Dieser leicht abseits der Touristenrouten liegende Ort hat eine andere Ausstrahlung.

Jedem Detail wird hier Aufmerksamkeit geschenkt: Es sind die Ruinen des alten Palastflügels aus dem 16. Jahrhundert, in denen das Abendessen serviert wird. Das Buffet ist klein aber unvergleichbar köstlich. Unser Kellner ist wenig geschliffen doch unglaublich aufmerksam. Als Abendprogramm treten lokale Künstler auf: Eine Truppe von Sufi-Musikern und Tänzerinnen steht dabei im Zentrum. Ihre virtuosen Trommelrhythmen und mystischen Klänge kommen von Herzen und gehen durch Haut und Knochen bevor sie der Wind in die schweigende Steppe hinausträgt.

In einer Ecke entdecken wir ein kleines, buntes Zelt. Ruhig sitzt ein junger Mann zwischen geschnitzten Marionetten auf dem Boden - der Puppenspieler. Geduldig wartet er, bis die Sufi-Klänge der Musiker in der Nacht verhallen und hofft, dass sich einer der Gäste auch für seine Kunst interessiert. Als wir uns vor sein Zelt setzen, freut er sich riesig und beginnt mit seinem Spiel: Die Prinzessin Sita wird vom Dämonen Ravana entführt, doch mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman kann der Prinz Rama seine Prinzessin retten - Szenen aus dem berühmten Ramayana-Epos werden lebendig und aus Holzpuppen werden Persönlichkeiten. Kaum zu glauben, dass eine Person alleine alle diese Fäden in der Hand hält und so schnell und präzise hantieren kann!

So klein und bescheiden die Kunst des Puppenspiels scheinen mag, sie hat in Asien eine grosse Tradition: Das chinesische Puppentheater, die Bunraku in Japan, das Wasserpuppentheater in Hanoi, die Marionetten von Iskander in Buchara ... an so vielen Orten treffen wir die Kunst in ihrer lokalen Prägung.

Im Gespräch erfahren wir mehr über den Puppenspieler. Er stammt aus einem Dorf der Umgebung, hat das Handwerk von seinem Vater gelernt, führt die Tradition weiter und möchte sie an seinen Sohn weiter geben. Seine ruhige, zurückhaltende, bescheidene und gleichzeitig stolze Art lassen eine innere Weisheit und grosse Reife erahnen.

Eigentlich war es nicht mehr als eine flüchtige Begegnung, ein Lächeln, ein kurzes Gespräch und Erinnerungsfoto. Dennoch ist es genau diese Begegnung, die aus unzähligen Erinnerungen und Eindrücken heraussticht. Vielleicht ist es das Einfache in einer Welt des Prunks, die Bescheidenheit in einer Gesellschaft des Stärkeren oder das Kindliche im Erwachsenen das mich berührt. Vielleicht ist es auch der Respekt für einen mutigen, jungen Menschen, der sich im Zeitalter von Youtube, Flachbildschirm und Bollywood der unprätenziösen Tradition des Puppenspiels widmet.

Die Begegnung gibt mir Hoffnung, dass auch in einer schnellebigen Welt des Glitz und Glamour und einer Gesellschaft des Konsums das Einfache stärker, das Sinnstiftende beständiger und das Authentische prägender ist.

CM

Für Dich, mein vietnamesischer Freund

Als wir die klimatisierte Halle des internationalen Flughafens von Hanoi verlassen, stehst Du vor uns. In Deinen feingliedrigen Händen hälst Du ein Schild mit unseren Namen, Dein Lächeln berührt uns schon jetzt. “Xin chào! Hoan ngênh! (Guten Tag! Willkommen!) - Du wirst während einigen Tagen unser Reisefreund sein.

Die ersten Besichtigungen und Eindrücke des Ho Chi Minh Mausoleums erleben wir durch einen Nebel von Müdigkeit. Die Hitze, Feuchtigkeit und Umweltverschmutzung tragen dazu bei, dass wir nur jedes zweite Wort Deiner Erklärungen aufnehmen. Es ist mir peinlich, dass wir in dieser Situation den Eindrück wecken könnten, nicht interessiert zu sein.

Sanft und respektvoll trittst Du in unseren kleinen Kreis von Reisefreunden ein. Mit der passenden Distanz des ersten Kontakts, interessierst Du Dich für jeden von uns. Eine Aufmerksamkeit, ein Blick, immer begleitet von einem Lächeln. Wir tun es Dir gleich und lassen Dich allmählich einen Teil unserer Gruppe sein.

Du bist an unserer Seite, als wir auf unserer privaten Dschunke durch die Halong Bucht segeln. Wir geniessen den magischen Moment des Sonnenuntergangs beim Aperitif. Die Gespräche ändern sich, die Distanz schwindet, das Lachen bringt uns näher und unsere Verbindung wird stärker.

 

Du bist an unserer Seite, als wir mit dem Velo durch die endlos grünen Reisfelder von Ninh Binh radeln und teilst unsere demonstrative Freude.

Du bist an unserer Seite, als wir durch einen Bahnhof rennen, um unseren Nachtzug zu erreichen - immer aufmerksam, dass alle da sind!

Du bist an unserer Seite, am Ende des Abends mit einem Bier in der Hand und erklärst uns die guten Seiten des Kommunismus.

Du bist schnell zu einem Teil unserer Gruppe geworden und die Distanz ist weggeblasen.

Du verrätst uns, dass Dein Beruf nicht einfach ist; dass eine Verbundenheit manchmal unumgänglich ist, dass aber der Raum zwischen zwei Kulturen respektiert werden muss - was nicht immer einfach ist. Aber die Liebe zu Deinem Land treibt Dich an. Du erzählst uns stolz von Deinem Land und Du lässt uns verstehen und fühlen.

Viel mehr als alle Schönheiten, Reichtümer und Sehenswürdigkeiten einer Reise, ist es dieser respektvolle und wertvolle Kontakt mit der Kultur, den Du uns in Deiner Rolle als lokaler Reiseleiter ermöglichst.

Doch dann kommt der Tag des Abschieds: Wir sagen “bis bald”, weichen unseren Blicken aus und bemühen uns, während der Passkontrolle nicht über die Schulter zurück zu schauen.

Lieber Toan, vielen Dank für diesen tiefen Austausch von Bruder zu Bruder, ohne Grenzen oder Religionen! Wir alle fühlen uns bis heute bereichert durch diese erlesenen Momente.

Merci, lieber vietnamesischer Freund! Ich wünsche Dir ein schönes Leben ... und wer weiss, vielleicht “bis bald”!

SCLE

Mozart auf dem Dach der Welt

In jenem Jahr war unser Weg voller Tücken: Durch starke Regenfälle ausgelöste Bergstürze blockierten die Pässe des Pamir und wir mussten einen weiten Umweg machen. Verschmutzter Diesel, den wir irgendwo gekauft hatten, verstopfte unsere Motoren und zwang uns, eine Garage nach der anderen aufzusuchen. Die traditionelle Pilgerfahrt zum heiligen Berg Kailash der Hindu und Tibeter - die nur alle 12 Jahre stattfindet - hielt uns lange Tage in Lhasa zurück.

Dennoch war diese Reise grossartig und voller atemberaubender Entdeckungen: Von den archaischen Klöstern Armeniens zu den goldenen Kuppeln des Iran, die Fayence der Medresen Zentralasiens und die mysteriös eingeräucherten Tempel des Tibets. Wir reisten durch glühend heisse Wüsten, endlose Steppen und unergründliche Schluchten. Als am Horizont schwindelerregende Schneegipfel auftauchten, konnten sich unsere Augen kaum sattsehen.

Diese bilden die Besonderheit unserer Expeditionen. Wir halten die Zeit an und schweben in der Ungewissheit des Weges. Wir öffnen uns für die schönsten Kapitel der Geschichte der Menschheit und lesen Tag für Tag mit der selben Verzückung darin. Die Geschichte grosser Zivilisationen wie sie China, Persien, Griechenland, Rom oder Byzanz hervorbrachten, prägen die Seidenstrassen. Die Geschichte der grossen Religionen Zoroastrismus, Judentum, Buddhismus, Christentum, Islam formten, vereinten und spalteten Völker. Die Geschichte der Künste, Wissenschaften und Kulturen, in denen sich die Menschheit näher kommt, austauscht, vermischt und bereichert.

Auch als Einzelgänger reist man nie ganz allein. In einem stets ändernden Umfeld hält sich der Reisende am Beständigen fest: Sei es an den zwei, drei Büchern, von denen er sich nicht trennen kann, am Bild der zuhause gebliebenen, das sich im Portemonnaie versteckt, an Erinnerungen die ihn begleiten, oder für mich die Musik ...

An jenem Tag verliessen wir bei Sonnenaufgang Duomazhang und durchquerten Mazha bei strahlendem Sonnenschein. Die Strasse folgte Flussbetten und Seeufern auf einer Höhe von über 4000 Metern. In der Ferne grasten Herden von scheuen Wildeseln. Faulenzende Gazellen machten es sich in der Sonne bequem und beobachteten unsere Fahrt. Die Strasse stieg auf einen Pass zwischen 5000 und 6000 Meter an, um auf der anderen Seite einem weiteren Flussbett zu folgen und führte weiter, immer weiter. Doch am Ende einer unendlich scheinenden Schlucht, zwischen riesigen, dunklen Bergen legte sich ein Schlagbaum in unseren Weg. Sechs Stunden warteten wir, während ein Militärfahrzeug nach dem Anderen aus der Gegenrichtung kommend sich in Richtung einer Kaserne im indischen Grenzgebiet bewegte. Geduld, Lektüre, Jiaozi, gebratene Nudeln und Gespräche waren unser Rezept, um die unendlich scheinende Wartezeit zu überbrücken. In der Ferne brauten sich Wolken zusammen und über uns ergoss sich ein Regen, der sich allmählich in Schneeregen verwandelte.

Ich kenne sie gut, diese Momente, in denen einem der Himmel auf den Kopf zu fallen scheint. Sie widerspiegeln sich in der Natur, wo sie Flüsse aufschwellen lassen oder auf einer Reise, wenn die Strasse am Ende einer Schlucht blockiert ist.  - Als sich an jenem Tag der Schlagbaum endlich hob, setzte bereits die Dämmerung ein. Vor uns lag ein letzter, eindrücklicher Pass von über 5'500 Meter und 250km Bergstrasse. Ich war nicht sicher, ob wir das schaffen würden, doch die Motoren summten regelmässig und die Heizung verbreitete wohlige Wärme. Aus den Lautsprechern dröhnte das Dies Irae aus dem Mozart-Requiem. Es erinnerte uns an den göttlichen Zorn, mit dem man sich besser nicht anlegt, aber auch an das himmlische Erbarmen, das uns erlaubte, diesem letzten Hindernis die Stirn zu bieten und es zu überwinden.

FL

Eriin Gurvan NAADAM - “die drei männlichen Spiele”

Wir sind auf grosser Expedition in 4x4 Jeeps und neun Länder liegen auf unserem Weg von Peking in die Schweiz noch vor uns. Doch eines davon strahlt eine ganz besondere Faszination aus: Die Mongolei. Mehrere Tage sind wir bereits unterwegs und können es kaum erwarten, mongolischen Boden zu betreten. An der Grenze zieht sich die Wartezeit hin aber meine Reisekameraden lassen sich dadurch nicht entmutigen: ihre Augen leuchten und jeder erzählt, weshalb die endlosen Weiten dieses Landes ihn zum Träumen bringen.


Einige schwärmen bereits vom Naadam, dem mongolischen Nationalfest, das heute zum Gedenken an ihre Unabhängigkeit gefeiert wird. Das Fest, das wörtlich “drei männliche Spiele” (Eriin gurvan naadam) heisst, wurde im Jahre 1206 durch Dschingis Khan gegründet, um seine Truppen zu beschäftigen und die besten und mutigsten Krieger zu küren.

Nach den Zollformalitäten fahren wir ins Grenzdorf Zamiin Uud, wo wir unsere erste Nacht in der Mongolei verbringen. Gespannt beginnen wir unsere neue Umgebung zu erkunden. Der Bahnhof der transsibirischen Eisenbahn bildet den Ortskern. Hier auf dem Bahnhofsplatz beobachten wir, wie eine Handvoll Männer eine Bühne mit grosser Licht- und Soundinstallation aufstellt. Unser Reiseleiter erklärt, dass eine Feier zum Auftakt des Naadams vorbereitet wird. - Welches Glück, wer hätte gedacht, dass wir diesem ersehnten Fest so bald begegnen! Natürlich sind wir am abendlichen Fest dabei: Eine Bühnenshow zeigt bunte, glitzernde Kostüme, Tänze diverser Stilrichtungen und Musik dessen Klänge von traditionell bis modern variieren. Spätestens beim Anblick der lokalen Diva, mit hohen Absätzen, gefärbtem Haar und provokantem Make-up wird uns klar, dass Weltoffenheit und Trendbewusstsein genauso wichtig sind wie Tradition und beides das heutige Naadam färben.

Am nächsten Tag reisen wir vorerst auf asphaltierter Strasse weiter und langsam aber sicher tauchen wir ein in das ersehnte Land: karge, endlos scheinende Ebenen, ein tiefblauer, mit Wattewolken geschmückter Himmel und über allem eine betäubende Stille, die nur der Wind unterbricht.

Kaum an diese gefundene Ruhe gewöhnt, erblicken wir in der Ferne am Strassenrand eine Gruppe Menschen. Wir halten an, und das Glück lacht uns wieder zu: es ist ein Naadam-Fest! Dieses Mal ist die Atmosphäre traditioneller und die Meisten tragen ihre Nationaltracht. Wir erfahren von unserem Reiseleiter, das heute als erste Prüfung ein Pferderennen stattfindet. So stellen wir uns in die Nähe der Ziellinie und erwarten den Einlauf. Alles spricht nur über die Pferde, ihr Alter, ihre Kraft; kein Wort über die Reiter, die anscheinend eine untergeordnete Rolle spielen. Als sie eingaloppieren, staunen wir reitende Kinder zu sehen: Knaben und Mächen, die meisten etwa fünf Jahre alt. Einige reiten sogar ohne Schuhe und Sattel um leichter zu sein. Nach dem Rennen reitet einer der Züchter zu uns und macht mit seinen Fingern stolz das Zeichen für die Nummer zwei. Sein Pferd war das Zweitbeste, ein umso beachtlicher Platz wenn man bedenkt, dass nur die ersten Fünf prämiert werden.

Von der Strasse auf die Piste und querfeldein durch die Steppe verbringen wir mehrere Tagesreisen inmitten entlegenster Natur. Wir begegnen kaum jemandem und übernachten in Zelten, bis wir Karakorum, die einstige Hauptstadt von Dschingis Khan, erreichen. Die plötzliche Rückkehr zur Zivilisation irritiert ein wenig, aber wir freuen uns auf ein weiteres Naadam: Heute ist die Königsdisziplin angesagt, das Ringen. Kolosse stehen sich gegenüber mit dem Ziel, den Gegner auf den Boden zu legen. Vor jedem Kampf begrüssen sich die Ringer und vollbringen einen kleinen Tanz zu Ehren des Richters. Der Einsatz ist hoch, denn der Sieger darf am grossen, nationalen Naadam in der Hauptstadt Ulaanbaatar teilnehmen. Doch ein Sandsturm unterbricht das Spektakel, wir flüchten vor dem Staub und nehmen unsere Route wieder auf.

Einige Tage später, am idyllischen Terkhiin See wo wir im Jurtenlager einen Rasttag einlegen, entdecken wir erstaunt WIFI und einen Raum mit riesigem Flachbildfernseher; “jetzt hat uns die Technologie sogar in der entlegensten Steppe eingeholt!” Doch unsere mongolischen Begleiter sind euphorisch, denn Fernsehen ist am heutigen Tag ein nationales Ereignis. Die Eröffnungszeremonie des grossen Naadam-Festes in Ulaanbaatar wird übertragen. (Nach kleinen Naadams in den Provinzen, haben sich nur die besten Pferde, Ringer und Bogenschützen für diese nationalen Meisterschaften qualifiziert.) Wir lassen uns vom Enthusiasmus anstecken und schliessen uns unseren monglischen Freunden zum Fernseh-Nachmittag an. Balu, der Kopf des Begleitteams, sitzt in der ersten Reihe und starrt gebannt auf den Bildschirm. Kein Detail will er verpassen, denn sein ältester Sohn wurde unter Tausenden ausgewählt, als Fahnenträger an dieser Zeremonie teilzunehmen. Hunderte von Tänzer, Sänger, Würdenträger, Ehrengäste, Statisten wandern über den Bildschirm. Als die Fahnenträger an der Reihe sind, erglüht Balu vor Stolz, und wir jubeln zu seiner Ehre mit.


Eine Woche später verlassen wir mit Tränen in den Augen das Land. Die Mongolei hat uns tief berührt und unsere neuen Freunde sind unsere Familie geworden - sie werden uns fehlen. In Russland nehmen wir etwas verwaist die Strasse auf, neuen Abenteuern entgegen. Auch wenn wir im Moment traurig sind, eines ist sicher, wir werden uns unsere Reise durch die Mongolei noch oft in Erinnerung rufen - dieses unglaubliche Land, so unberührt-wild zugleich herzlich-einladend.

LS

Pamir - Mubin, ein Tadschike zu Besuch in der Schweiz

Ein regnerischer Samstag Nachmittag im November, ich habe mit Mubin im Hauptbahnhof am Kopf des Gleises abgemacht, finde ihn aber nicht gleich, und oh schreck (!) er hat kein Mobiltelefon dabei ... doch plötzlich entdecke ich ihn auf der anderen Seite der grossen Halle. Er erkennt mich, lacht und seine lebendigen Augen und goldenen Zähne strahlen mich an. “Wie schön, Dich wieder zu sehen! Unglaublich, dass es geklappt hat!” Die Freude ist auf allen Seiten gross. Wir suchen uns ein Restaurant im Niederdorf, bestellen ein Zürigschnetztlets und ich lausche gespannt.

Mubin ist Deutschlehrer in einem kleinen Dorf im Norden Tadschikistans. Er absolviert im Rahmen eines Stipendiums ein Praktikum an einer Schule in Deutschland und wurde von seinen Gästen übers Wochenende in die Schweiz eingeladen. Denn während den Sommermonaten führt er Touristen durch Tadschikistan. So habe ich ihn während meiner letzten Reise ins Pamir-Gebirge kennen gelernt. Zusammen haben wir eine Gruppe durch die eindrücklichen Schluchten des Panj-Flusses entlang der afghanischen Grenze und über das einsame Pamir-Hochplateau geführt. Als lokaler Reiseleiter war er quasi mein erweitertes multi-linguales Sprachrohr. Unglaublich kommunikativ, umtriebig und vorausschauend, schaffte er es, uns immer wieder zu überraschen. Wir tanzten und sangen mit Schülern, wurden in Jurten und zu Familien eingeladen, feilschten auf Märkten und lachten viel - es war eine Reise, dessen Begegnungen mich so berührten, dass ich ein paar davon in einem anderen Reisebericht niederschrieb. Eine Weile ist es her, seit sich unsere Wege in einem kirgisischen Bergdorf trennten und ich bin jetzt gespannt, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen ist.

Letzten Sommer reiste er ein paar Mal durch den Pamir und konnte mit den Bekanntschaften unserer Reise in Kontakt bleiben: Die strahlende Schamsija verlor leider vor einigen Monaten ihren Mann; ein Schicksalsschlag für die Familie, aber sie arbeitet weiterhin im Spital in Afghanistan und ihre Aufgabe dort scheint ihr zu gefallen. Die arbeitslose, junge Krankenpflegerin Jasmin - die unsere ganze Gruppe zu sich einlud - hatte mehr Glück. Sie lebt jetzt in Dushanbe und Mubin konnte ihr und einer ihrer Schwestern eine Arbeit vermitteln.

Mubin erzählt, dass er dieses Jahr beinahe drei Tonnen Äpfel aus seinem Garten ernten konnte. Nach seiner Rückkehr plant er einen Lastwagen zu mieten, die Äpfel ins beinahe 300km entfernte Dushanbe zu fahren, um sie auf dem dortigen Markt zu verkaufen. - Ein Unterfangen bei dem nicht nur seine Familie, sondern das halbe Dorf mithilft.

Er erzählt von seiner Reise nach Europa und wie ihn beim Umsteigen in Moskau ein Grenzbeamter trotz einwandfreien Dokumenten über seinen Aufenthalt in Deutschland ausfragen wollte. Statt seinen Ärger über russische Beamten zu zeigen, antwortete er “Ich fahre nach Deutschland, um Bier zu trinken” und sorgte für allgemeines Gelächter, Zustimmung und ein unbürokratisches Durchwinken.

Vor Ort sei er einige Male auf der Strasse spontan als Übersetzer zwischen der Polizei und afghanischen Flüchtlingen eingesprungen. Dass so viele junge Männer ihre Heimat verlassen müssen, stimmt ihn nachdenklich. Als Tadschike kennt er die Schwierigkeiten eines Landes, dessen stärksten Arbeitskräfte im fernen Ausland unter schlechten Bedingungen schuften, um ihre Familien zu ernähren. Als ich ihn über seinen Eindruck der Schweiz frage, meint er stirnrunzelnd, alles sei sehr schön, aber wir sollten mehr Sorge tragen. Er habe vorhin am Bahnhof jemanden gesehen, der gedankenlos einen Zigarettenstummel auf den Boden warf. Er habe ihn aufgelesen, freundlich auf den Abfalleimer gezeigt und gesagt: “Das gehört doch hierhin. Sauberkeit ist doch wichtig und ist es nicht besser, wenn wir allen Dingen Sorge tragen?”

Mit vollem Magen setzen wir den Stadtspaziergang am Limmatquai fort. Ein Erinnerungsfoto hier, eines da ... auf einmal ruft Mubin etwas auf russisch. Das vor uns spazierende, unauffällige Paar dreht sich um, nimmt die hingestreckte Kamera, macht nach seinen Wünschen ein paar Fotos von uns und spaziert nach kurzem Wortwechsel gemütlich weiter. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus und bin fasziniert. Das für Zentralasien so typische unkompliziert-freundliche Geben und Nehmen, berührt mich jedes Mal von neuem. Wie wunderbar - an diesem vorweihnachtlichen Abend weht ein Hauch Zentralasiens durch Zürich.

CM

Iran - Persepolis- Chatroom der Antike

Schon der alte Namen Irans – Persien – weckt in vielen Menschen Bilder von Tausendundeiner Nacht, langer Geschichte, berühmten Herrschern und grossartigen Kunstwerken. Besucher finden auf einer Reise durch den Iran all diese Bilder- und noch viele mehr. Überall wird man von gastfreundlichen Menschen mit offenen Armen empfangen, an jedem Ort trifft man auf Zeugen der Jahrhunderte alten Geschichte und auf das Erbe der verschiedenen Dynastien. Eine der grossartigsten Stätten ist sicher Persepolis. Obwohl der Ort mit seinen Palästen, Verwaltungsgebäuden, Lagerräumen und Werkstätten 330 v. Chr. von Alexander dem Grossen als Rache für die Zerstörung der Akropolis zum grossen Teil verbrannt wurde, lassen die Überreste immer noch die einstige Herrlichkeit und die einzigartige Architekturkunst erahnen.

Ich betrete die Stätte durch das “Tor der Nationen”. Links und rechts werde ich von riesigen Stieren und geflügelten Mensch-Stier-Mischwesen begrüsst. Bald schon stehe ich vor einem ersten Höhepunkt. Zwei fast identische Wände, darauf abgebildet sind Soldaten, hohe Würdenträger und Wagenlenker. Die Steinreliefs sind sehr plastisch und lebensecht: die Falten in den Gewänder, die gekrausten Barthaare, die stolze Haltung - ich habe das Gefühl, dass die Menschen gleich zum Leben erwachen werden. Staunend und fasziniert gehe ich weiter und versuche, mir die Stätte im Originalzustand vorzustellen. Keine leichte Aufgabe! Immer wieder entdecke ich ein neues Detail: hier eine kunstvolle Verzierung, dort eine perfekt geschwungene Rosette. Es scheint keinen Bauteil zu geben, der nicht phantasiereich verziert ist. Und immer wieder frage ich mich, wie die Bauarbeiter es zur damaligen Zeit schafften, die meterhohen Säulen zu errichten....

520 v. Chr. vom damaligen Achämidenherrscher Dareios gegründet und von seinen Nachfolgern während 120 Jahren weitergebaut, hatte die Stadt eine rein repräsentative Funktion. Hier wurde den Besuchern des Herrschers die Grossartigkeit und Herrlichkeit des Perserreiches vor Augen geführt. Die Gesandten aller zum Reich gehörenden Völker trafen sich hier - 28 verschiedene Völker mit unterschiedlichen Sprachen, Bräuchen und Kulturen. In Persepolis traf man sich anlässlich des Neujahrsfestes, ass und feierte zusammen, tauschte sich aus, kam mit neuen Ansichten und Ideen in Berührung. Völkerverständigung vor 2'500 Jahren - eine Art Chatroom in Zeiten ohne moderne Kommunikationsmittel...

Schlussendlich stehe ich vor meiner persönlichen Hauptattraktion der Stätte: dem Treppenaufgang zum Palast. Hier bestaune ich auf zwei Seiten die in Stein gemeisselten Delegationen von 23 Völkern mit ihren Gaben für den König. Kenner identifizieren anhand der Gewänder, Kopfbedeckungen und mitgeführten Waren die einzelnen Völker, der Laie steht einfach nur staunend und ehrfürchtig vor diesem grossartigen Relief. Ich bin froh, einen kompetenten Reiseleiter bei mir zu haben, der mich auf einzelne Details hinweist. Ich kann mich nicht sattsehen an den feinen Blattadern der Bäume, dem lockigen Fell der Widder und den lebendig wirkenden Gesandten. Stundenlang könnte ich davorstehen und ein neues Detail entdecken. Doch weiter geht es – es gibt noch so viel zu entdecken und zu erleben in diesem wunderbaren, reichen Land.

CK

Japan - Auf Entdeckungsreise in Ise

Ankunft in Ise per Bus, Zug oder Taxi. Manchmal auch per Auto. Ein riesiger Parkplatz. Ältere, sehr höfliche Männer in blauer Uniform und mit korrekt sitzenden Mützen schwenken ihre Einweisstäbe, um den riesigen Autos beim Einparken zu helfen. Gruppen. Noch mehr Gruppen. Besucher, Pilger, Neugierige. Ganze Familien, mehrere Generationen, die aus einem besondern Anlass hierher kommen. Kollegen auf einem Firmenausflug. Einige sehr junge Pärchen mit einem Baby.

Wir überqueren die Holzbrücke, die sich über den Fluss spannt. Wir halten einen Moment auf der Brücke inne, schauen auf den Fluss, der schnell unter uns hindurchfliesst. Wir hören das Rauschen des Wassers, den Wind in den Bäumen. Der Herbst kündigt sich an. Es ist frisch an diesem Morgen. Wir durchschreiten die Torii, die Torbögen, die im Shintoismus einen weltlichen von einem heiligen Ort trennen. Heilig. Wir kommen in einem heiligen Ort an. Wir treten in das Reich der Sonnengöttin ein, die Urahnin der japanischen Herrscher. Nichts weniger. An diesem Ort haben die Menschen die weltliche Residenz für die Göttin der Gestirne gebaut. Schon einmal, so erzählt die japanische Mythologie, hat sie sich zuhinterst in einer Höhle versteckt. Die ganze Erde verfiel darauf in Dunkelheit. Daher trägt man Sorge um sie. Man betet sie an, umsorgt sie, bringt ihr Tänze, Geschenke und Musik dar. Die Besucher kommen, um um ihre Gunst zu bitten. Die Priester und Priesterinnen wachen über den Unterhalt ihrer weltlichen Residenz, halten ihre Besitztümer, Spiegel, Kleider, Stoffe, Kämme in Stande. Alle 20 Jahre wird das Heiligtum identisch neu aufgebaut - dies schon seit über 1000 Jahren. Alle 20 Jahre baut man das alte, durch Regen und Unwetter beschädigte Heiligtum ab, verteilt die erhalten gebliebenen Pfeiler im ganzen Land und baut das Heiligtum nebenan wieder neu auf. Die Sicheltannen und die Pinien im Park wohnen diesem Schauspiel seit dem 8. Jh bei. Still und majestätisch scheinen sie ihre Geheimnisse zu bewahren. Nur der Wind bringt sie zum Sprechen. Man fühlt sich ganz klein, voller Respekt und Bewunderung. Voller Fragen auch.

Das grosse Ise-Heiligtum, das wichtigste Shintoismus-Heiligtum des Landes, beherbergt den Spiegel der Sonnengöttin Amaterasu. Ein Spiegel aus Bronze, in der Vorstellung rund, verziert, zierlich. Es bleibt eine Vorstellung. Es gibt keine Bilder, keine Fotos. Nur der Herrscher darf ihn sehen. Und einige shintoistische Priester, die den Spiegel zusammen mit dem Säbel und dem heiligen Juwel dem Herrscher während den Zeremonien zur Inthronisation eines neues Herrschers überreichen.

Wir setzen unseren Besuch fort, beseelt durch diesen Ort, das Rauschen des Windes, der durch die Pinien bläst, in den Ohren. Die Japaner geben sehr Acht auf ihre Kleidung. Alle sehr chic, sehr formell, scharze Kleidung. Dunkel, nüchtern, elegant. Man kommt nicht jeden Tag hierher, um der Sonnengöttin seine Ehre zu erweisen. Keine Ausländer. Oder fast keine. Wir nehmen den Weg wieder auf, der zum Hafen führt. Das Hauptheiligtum versteckt sich hinter einer Palissade. Der Besucher sieht nur gerade das Dach. Er verlässt den Ort leichten Herzens. Die Seele rein. Der Magen leer. Wir überqueren die Brücke und finden uns inmitten der japanischen Touristen wieder, die sich in den Verkaufständen, Kneipen und zu den Ständen drängen, die Tintenfisch grillieren. Eine Eiscrème aus Matcha, und alles ist gut.

Christine Escurriola Tettamanti