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Privatreisen 2018-2020
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Erste Einblicke 2019-2020
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Bogoroditsè Diévo

Russland
Russland

Kazan, 19. Oktober 2018, in einem Restaurant der Stadt feiert beim Apéro Riche der Choeur Pro Arte aus Lausanne mit dem Kappella Chor der staatlichen Universität Kazan ihr gelungenes Konzert: Ein schöner Moment der Freundschaft und des Austausches, bei dem alle ihre Begeisterung (und bisweilen Brillianz) zeigen können. Ein Wettsingen Russischer und Schweizer Volkslieder entspringt. Als der Chor aus Lausanne Bogoroditse Dievo aus Rachmaninov’s Abendmesse anstimmt, braucht es lediglich eine halbe Sekunde, bis die Sänger des Kapella Chors den damit ausgedrückten Dank für ihre Gastfreundschaft und herzliche Begrüssung verstehen. Sie stimmen mit uns in dieses wunderbare Werk ein, das ebenfalls Teil ihres sakralen Repertoires ist. Die dunklen Bass-Stimmen und die engelsgleichen Sopranis begleiten uns durch die Nacht.

Era, die anspruchsvolle, gleichzeitig warmherzige und von ihrem Chor heiss geliebte Leiterin des Kapella Chors hüpft vor Begeisterung auf und ab. Ihre Freudentränen kann sie kaum zurück halten. Anastasia, unsere Partnerin aus Moskau denkt schon lange nicht dran, die Ihren zu verbergen. Doch sie sind nicht die Einzigen; unsere Begleiterinnen Aigun, Olga und Veronika genau wie einige Sänger und Sängerinnen aus der Schweiz und Russland spühren die Emotionen - so viele rührende Momente bringen diese musikalischen und menschlichen Begegnungen.

Dieses spontane, innbrünstig gesungene Bogoroditse Dievo beider Chöre ist der Höhepunkt einer einzigartigen Erfahrung. Doch war der Weg dorthin lang! Welch merkwürdige Idee überhaupt, aus der Schweiz ins ferne Kazan zu reisen um zu singen? Wer kennt hierzulande schon die schöne Millionenstadt am Zusammenfluss von Wolga und Kazanka, Hauptstadt Tatarstans, heute Teil der Russischen Federation, einst an der Spitze eines riesigen Weltreichs aus dem Erbe von Dschinggis Khan. Kazan ist Heimat zweier Völker, dessen Sprachen Tatar und Russisch als Amtssprachen dienen und dessen Religionen Islam und orthodoxes Christentum harmonisch zusammen leben. Während in der Schweiz Minarette verboten und über Burkas debattiert wird, baut Russland zwischen zwei orthodoxe Kirchen meist wunderschöne Moscheen und man freut sich über das bereicherte Zusammenleben.

Kazan ist gleichwohl eine historische wie moderne Stadt. Sie glänzt mit unzähligen Cafés und Restaurants, Museen und Kunstgalerien, dem KHL Eishockeymeister und einer riesigen Universität mit über 40'000 Studenten (dessen Webseite kpfu.ru auf Russisch, Tatar, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch und Farsi mögliche Interessenten informiert). Kazan vermittelt das Bild des jungen, modernen, offenen und zukunftsoptimistischen Russlands. Dies im vollen Bewusstsein westlicher Vorurteile. Denn jeder in Russland empfindet die Geringschätzung ihrer Kultur, grossartigen Litteratur, Musik, Malerei und Wissenschaft als ungerecht... Und niemand hat vergessen, dass Napoleon Moskau belagerte, Grossbritannien und Frankreich im Krimkrieg das Ottomanenreich unterstützten, Nazideutschland eine Invasion mit unaussprechlich barbarischen Massakern veranstaltete. Jeder weiss, dass die 25 Millionen sowjetischen Todesopfer des 2. Weltkriegs Europa gerettet haben. Dennoch gibt es kein Gefühl des Grolls. Nirgends empfinde ich dies so stark wie am Friendensdenkmal von Stalingrad, wo seit 1964 in Endlosschlaufe die Träumereien von Schumann erklingen.

Kurz vor dem gemeinsamen Bogoroditse Dievo hatten beide Chöre zusammen ein Konzert gegeben: Im Auditorium der Universität von Kazan interpretierten wir die Messe für zwei Chöre von Frank Martin und Hymnen und Gebete von Georgy Sviridov. Beide hatten wir zu Beginn der ersten gemeinsamen Probe unsere Zweifel. Wie werden sich zwei Chöre unterschiedlicher Kulturen zusammen fügen? Wie passen die Interpretationen eines russischen und schweizerischen Werks in das selbe Konzert? Die zu Beginn etwas schüchternen Sänger und Sängerinnen des Kapella Chors beweisen schnell ihre aussergewöhnlichen Talente. Viele unter ihnen studieren Musik, sind im Bachelor oder Master Studiengang für Orchester- oder Chorleitung. Haben wir sie vielleicht unterschätzt? Und sie betrachten uns, die wir weit hergereist, meist fortgeschrittenen Alters sind. Haben sie uns überschätzt? Die gemeinsame Interpretation des Bogoroditse Dievo spontan und ohne Publikum gibt uns die Antwort auf diese Fragen: Wir passen gut zusammen und haben uns wohl gefühlt.    

FL

Erzählstoff aus Indien

Indien
Indien
Indien
Indien

Wie oft fragen wir nach der Herkunft des Stoffes, den wir auf unserer Haut tragen - woher stammt er? Wer hatte die Idee, ihn so zu weben, färben, besticken und zu nähen? Welche Traditionen stecken dahinter? Welche Geschichten erzählen die Menschen, die ihn in der Hand hielten? Auf meiner letzten Reise durch Indien begegnete ich verschiedenen Menschen mit Geschichten zu ihren Stoffen:

Jodhpur - Ich schlendere durch lebendige Altstadtgassen des Bazars, vorbei an winzigen Manufakturen, deren Inhalt beinahe auf die Strasse überquillt. Als ich ein unscheinbar wirkendes Geschäft betrete, werde ich nach kurzer Begrüssung über schmale Treppen in den vierten Stock geführt, wo ich in einem vom Boden bis zur Decke mit Stoffballen überfüllten Raum Platz nehme. Es ist das Geschäft eines Textilgrosshändlers. Der Sohn des Hauses erläutert stolz die Spezialität seines Familienbetriebs: Im Auftrag grosser Firmen webt, bestickt und exportiert seine Firma Bettüberwürfe - von einfachster Qualität für lokale Bazare bis hin zu luxuriös bestickten Kunstwerken für den Export. Einige “Geheimnisse” des Hauses teilt er mit mir und ich darf “exklusiv” für Gucci und Hermès produzierte Einzelstücke bestaunen, erfahre brühwarm, welche Filmstars hier Bettdecken ersteigerten und darf mir bei tropischer Hitze winterliche Minustemperaturen vorstellen... Eine Verkaufspräsentation wird zur theatralischen Darbietung - und ich erlebe eine spannende Komödie voller Witz, Charme und völliger Übertreibung. Was ist Fakt, was Fiktion? Unmöglich wäre es, dies zu erahnen, doch macht das Ungewisse die Geschichten nicht umso spannender und erstandene Stücke umso rätselhafter?

Amber - Im stilvoll renovierten Herrenhaus (Haveli) des Textilmuseums entdecke ich die Kunst des traditionellen Holzblockdrucks auf Baumwolle. Ich hatte mich zum Auftakt meiner Reise mit Tuniken eingedeckt und geniesse diese bequeme, landesübliche Kleidung, wobei mir die farbigen Muster meiner Blusen besonders gut gefallen. So verfolge ich gespannt die Geschichte ihrer Herstellung. Familien oder gar ganze Dörfer spezialisieren sich jeweils auf eine einzelne Aktivität; sei es die Herstellung einer Farbe, das Spinnen und Weben der Baumwolle oder das Schnitzen von Holzblöcken. Wiederum andere Familien setzen die Muster zusammen, indem sie die geschnitzten Holzstempel mit Farbe versehen und mit erstaunlicher Präzision die Baumwollstoffe bedrucken; ein Stempel pro Farbe, drei bis vier mal nebeneinander und bis zu 20 mal hintereinander muss fehlerfrei gestempelt werden... ein aufwändiger Prozess, der mit technologischem Fortschritt und Kostendruck der Textilindustrie zu verschwinden droht. Dank geschickter Kombination dieses traditionellen Handwerks, moderneren Mustern und zeitgemässen Schnitten ist es der Firma Anokhi gelungen, dieses altüberlieferte Erbe zu beleben. (www.anokhi.com)

Delhi - Unweit des Humayun-Mausoleums erkunde ich die ruhigen Wohnquartiere der Stadt. Üppige Bäume säumen die Trottoirs, kleine Cafés laden zum Verweilen ein und interessante Boutiquen bieten schönes Kunsthandwerk an. Im Untergeschoss eines Wohnhauses entdecke ich edle Kreationen aus Kashmir: Unglaublich weich die Qualität, unglaublich winzig die Präzision der Stickereien auf einigen riesigen Foulards - wahre Kunstwerke, die eigentlich in ein Museum gehörten. Vom Besitzer erfahre ich, dass seine Familie aus dem Kashmir stammt, er zusammen mit einer Textilhistorikerin eine Firma kreierte, die das traditionelle Kunsthandwerk mit zeitgenössischen Formen und Farben kombiniert und höchste Ansprüche an Qualität befriedigt. Er erzählt, wie weben und sticken in Heimarbeit nach wie vor eine der wenigen Einnahmequellen der Frauen im Kashmir ist. Wegen häufiger Ausgangssperren erlebt diese Form des Kunsthandwerks sogar einen tragischen Aufschwung. (www.kashmirloom.com)

Die Kunst des textilen Handwerks ist in Indien lebendig. Neben handwerklichen und wirtschaftlichen Aspekten, faszinieren mich die Geschichten um diese Textilien mit ihrem Reichtum an Kulturerbe und ihrer Bedeutung für ihre Hersteller, Händler und Träger.

CM

Xi’an - auf den Spuren der Kalligraphie

China
China
China
China

Einer meiner Lieblingsorte in China ist der Stelenwald in Xi’an, wo Tausende Steinstelen aus der ganzen Provinz Shaanxi zusammengetragen wurden und ausgestellt sind. Sie sind in Stein gemeisselte Zeitzeugen aus über 2000 Jahre Geschichte und Kultur, denn lange vor Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet waren sie Informationsquellen für Kaiserliche Erlasse und dokumentierten nationale und regionale Ereignisse. Von Irrigationsplänen in Dörfern bis zum gesamten Werk des Konfuzius wurde auf diese Art alles von Bedeutung verewigt. Neben ihrem Inhalt sind es die gemeisselten Schriftzeichen in unterschiedlichen Stilen, die Gelehrte und Kalligraphie-Fans aus dem ganzen Land bis heute anziehen. So haben sich in den malerischen Altstadt-Gässlein um das Museum unzählige kleine Geschäfte mit Kalligraphie-Utensilien angesiedelt. Inspiriert von meinen vielen China-Reisen habe ich vor kurzem mit Kalligraphieren begonnen. So mache ich mich auf die Suche nach meinen eigenen “vier Schätzen des Gelehrtenzimmers”: Pinsel, Papier, Tinte und Tintenreibstein.

In einem der kleinen Geschäfte hockt eine Frau auf dem Boden und beugt sich über ein rotes Plastikbecken. Tief konzentriert ist sie dabei, Pinsel zusammen zu schnüren und lässt mich in Ruhe ihr Sortiment durchstöbern. Als erstes suche ich nach einem Tintenreibstein: eine schöne Textur sollte er haben, nicht zu gross, nicht zu klein und schlicht sollte er sein. Viele Stunden werde ich mit dem Stein verbringen, das Tintenklötzchen auf der Fläche reibend, bis das Wasser schwarz genug ist. Als ich meinen Stein gefunden habe, benötige ich für die Wahl des Pinsels ihren professionellen Rat: Nicht zu borstig, nicht zu weich sollte er sein, sondern sanft federnd und passend für eine Anfängerin. Mit Gestik, Mimik und einem Taschenrechner diskutieren wir über die Eigenheiten und Preise ihrer Pinsel, wovon sie einige selber herstellt. Mit Wasser probieren wir sie aus, merken schnell, was zu mir passt und was weniger. Ich entscheide mich für einen sehr Günstigen und einen eher Teuren. Nach Wahl von Tintenreibstein und Pinsel ist es einfach, die passende Tinte und Papier zu finden. So gehe ich ausgerüstet und glücklich aus dem Geschäft und nach Hause.

Zurück in der Kalligraphie-Stunde packe ich stolz meine Schätze aus und beginne zu üben: Vertikale, horizontale, diagonale Striche, Punkte und Dreiecke setze ich zusammen. Jeder Strich hat seine ganz spezielle Technik und vorgegebene Pinselführung. Die Kunst besteht darin, ein harmonisches Bild zu erzeugen, das der Rigidität des Schriftsystems zum Trotz einen Hauch von Dynamik ausstrahlt. In den ersten Versuchen konzentriere ich mich auf die Reihenfolge der Striche und die korrekte Führung des Pinsels. Die Zeichen wirken noch steif und zögerlich und bis die Proportionen stimmen, brauche ich Geduld, Übung, ein sehr aufmerksames Auge, viele Korrekturen und Tipps. Doch schon nach wenigen Stunden beginnt ein einfaches Schriftzeichen zusammen zu kommen. Nicht einfach ist es, das richtige Mass an Ruhe und Konzentration aufzubringen, um den Pinsel im passenden Tempo über das Papier gleiten zu lassen und meine Bewunderung für die Meister der Kalligraphie steigt. Dennoch geniesse ich auf meinem einfachen Niveau den Prozess und fühle mich als winziger Teil einer uralten Tradition.

CM

Unter den Brücken von Isfahan

Iran
Iran
Iran

Wie so viele Isfahaner flüchte ich vor der abendlichen Hitze des Sommers an die Ufer des Zayandehrud. In grosszügen Parkanlagen am Flussufer haben sich unzählige Familien und Gruppen von Freunden auf bunten Decken niedergelassen und geniessen die Köstlichkeiten ihres Picknicks. Der Fluss breitet sich aus, bevor er unter den Brücken hindurchgleitet, wo niedrige Dämme das Wasser zurückhalten. Die Gischt spendet angenehme Frische - nach der Hitze des Tages eine unvergleichliche Atempause.

“Die halbe Welt” nennen die Bewohner von Isfahan liebevoll ihre Stadt. Neben einer glorreichen Geschichte sind es ihre Widersprüche, die sie so charmant machen. Denn wie alle Orte des Iran hat die Stadt stürmische Zeiten erlebt: Als Shah Abbas Isfahan im 17. Jh. zu seiner Hauptstadt machte, schmückte er sie mit prächtigen, den Erzählungen aus 1001 Nacht würdigen Bauten, deren Ausstrahlung die gesamte, damals bekannte Welt erleuchteten. Im Wetteifer mit den glanzvollsten Weltstädten entstanden zwischen dem 11. und 19. Jh. zahlreiche Monumente, welche die Wirren der Zeit überstanden und bis heute zu den Juwelen des vorderen Orients zählen. 1722 wurde die Stadt zerstört, versank in Bedeutungslosigkeit und wurde zum Zankapfel verschiedener Stämme, bis die Britische und schliesslich Russische Armee sie in ihren Einflussbereich einschloss. Erst als Reza Shah 1925 die Macht ergriff, begann ihre Wiederauferstehung: Schnell entwickelte sich Isfahan zu einem wichtigen Zentrum für Industrie, Handel und Bildung und zählt heute 2 Millionen Einwohner.

Riesige Bäume säumen breite Alleen, zahlreiche Mode-Boutiquen und gefüllte Restaurants laden zum flanieren ein. Ihre Bewohner sind locker, fröhlich und gastfreundlich. - Isfahan vermittelt den Eindruck einer offenen, modernen Stadt und ist gleichzeitig tief religiös. Neben den schönsten islamischen Gotteshäusern gibt es eine katholische Diözese, eine armenische Kathedrale und einige Synagogen. Vom Pop-Konzert bis zum Gesang während dem traditionellen Zurkhaneh-Training in einem “Haus der Kraft” erhält man einen Eindruck der musikalischen Vielfalt. Zahlreiche Universitäten lehren auf hohem Niveau und viele private Institute vermitteln die feinen Künste der traditionellen Musik, Miniaturmalerei oder Keramik.

Tradition und Moderne, religiöse Strenge und frecher Anarchismus - ein spannendes Spiel von Katz und Maus ist daraus entsprungen. Frauen sind auf den Strassen, in Büros, Restaurants, Läden und Universitäten omnipräsent. Sie wissen genau, wie viel von ihrem Haar bedeckt, wie viel gezeigt und wie viel Schminke gerade erlaubt ist. Liebende scheinen zu wissen, wann sie händchenhaltend durch die Stassen spazieren können und wann es besser ist, höfliche Distanz zu wahren - denn täglich ändern sich die Regeln. Offiziell dürfen Künstlerinnen nicht auf die Bühne, doch im Netz publizieren sie ganz offen Aufnahmen aus privaten Kellerlokalitäten - ohne Kopftuch, ohne dass sich die Autoritäten drum scheren. (https://www.youtube.com/watch?v=zMjBdHZVBqg).

An diesem Abend in der Dunkelheit unter der Khaju-Brücke leitet eine unsichtbare Stimme einen Singsang ein. Andere Stimmen nähern sich, nehmen die Melodie auf und aus einem schüchternen Gemurmel entsteht ein Chor von rund einem dutzend Personen. Ich glaube ein Lied von Justina zu erkennen (https://www.youtube.com/watch?v=HJIpIUNkTFo). Die Bögen der Brücke erklingen, bis zwei Sittenpolizisten ihre Nase spitzen und sich die kleine Gruppe wieder auflöst. Einige Minuten später unter einem anderen Bogen beginnt das Spiel mit einem anderen Lied: Diesmal stimmen 2 Junge ein Lied von Googoosh - einer Ikone der 60-er und 70-er Jahre - an und Alt und Jung setzt ein. Egal welches Lied, alle Anwesenden scheinen es zu kennen. Dreist und brüderlich singen sie zusammen unter den Brücken von Isfahan. In diesen Melodien wiegen sie ihre Träume.

FL

Japan - Ein Augenblick in Kyoto

Japan
Japan
Japan

Glitzernde Wolkenkratzer, Leuchtreklamen, Super-Schnellzüge und Menschenmassen der Megastädte; im Kontrast dazu leicht verstaubte, verlassen wirkende Dörfer - meine ersten Eindrücke in Japan sind widersprüchlich. Um meinen Blick zu vertiefen, besuche ich eine Lektion für traditionelle Teezeremonie im Herzen der japanischen Kultur in Kyoto.

Eine freundliche Teestudentin hilft mit Dolmetschern und begleitet mich vom Hotel zur Teelektion. Bereits während der Taxifahrt macht sie mich mit ersten Benimmregeln vertraut. In einem Einfamilienhaus ausserhalb des Stadtzentrums wartet bereits die Teelehrerin, eine zierliche, in pastellrosa Kimono gekleidete Frau um die 60. Sie führt uns in ihr westlich eingerichtetes Wohnzimmer, wo wir Schuhe aus- und frische, weisse Socken anziehen. Dann fragt die Dolmetscherin ehrfürchtig, ob ich bereit sei, in eine andere Welt einzutauchen.

Sie führt mich durch den Garten, wo Bäume, Sträucher, Blumen, Brunnen und Weglein so perfekt aufeinander abgestimmt sind, dass sie der winzigen Fläche Tiefe und Grösse verleihen. Als “Die ganze Welt in einem winzigen Senfkorn” würden chinesische Gelehrte diesen Garten beschreiben. Denn als im 8. Jahrhundert China der globale Trendsetter war, strahlte seine Kunst und Kultur weit über die Landesgrenzen hinaus und viele Errungenschaften gelangten nach Japan: Architektur und Schrift, aber auch der Buddhismus breiteten sich im Inselstaat aus und gewannen an Einfluss. Der Grüntee in pulverisierter Form war bei buddhistischen Mönchen besonders beliebt. Sie brachten ihn als Medizin nach Japan und entwickelten allmählich Regeln, um seinen Genuss zu zelebrieren. Mönche und Herrscherfamilien stilisierten “den Weg des Tees” zu einer Kunstform von höchster Disziplin, die erst viele Jahrhunderte später in der breiteren Bevölkerung Beliebtheit erlangte.

Im Teezimmer, das so schlicht wie möglich ist, lerne ich jedes Detail zu beachten und übe meine Wertschätzung auszudrücken. “Bitte bewundern Sie den Teebehälter, die Kohlestückchen, die Teetasse, den Teeschäumer und den Teelöffel!” Die Teestudentin wacht streng, dass jedes Objekt angemessen bestaunt wird. Als meine höfliche Bewunderung des Teelöffels ungenügend ausfällt, muss ich sie so lange wiederholen, bis das Objekt den nötigen Respekt erhält. - “So viele Regeln!”, stöhnt mein rebellisches Ego.

Nach dem Bewundern der Utensilien beginnt die Gastgeberin mit der Zubereitung des Tees. Ich werde ruhig und staune über ihre präzise einstudierten Bewegungen. Sie erinnern mich an einen Tanz, bei dem jede Bewegung kalkuliert ist, jede Geste eine Bedeutung hat und die Mimik die Stimmung im Raum beeinflusst - klassisches Ballett auf Japanisch. Die Stille und Reduktion aufs Wesentliche schärfen die Sinne. Die strengen Regeln der Höflichkeit im Umgang mit Objekten und Mitmenschen schaffen eine sichere und angenehme Welt. Unglaublich, wie eine so alltäglich scheinende Handlung der Teezubereitung zur höchsten Kunstform erhoben werden kann.

Nach der Lektion plaudere ich im westlichen Wohnzimmer vergnügt mit Dolmetscherin und Gastgeberin. Dabei fällt mein Blick auf einige Fotos, die etwas versteckt in einer Ecke des Raums hängen: Sie zeigen Menschen auf einem Berggipfel. Ich traue meinen Ohren kaum, als die Dolmetscherin bestätigt, dass unsere Lehrerin den Mt. Everest bestiegen hat. Meine überbordende Bewunderung muss ich diesmal nicht üben. Wie kommt diese zierliche im Kimono gekleidete Teelehrerin aus dem Kyotoer Vorstadthäuschen auf den höchsten Gipfel der Welt?

Japan überrascht mich immer wieder mit neuen Widersprüchen, die sich manchmal bei näherem Blick als harmonisch ergänzend herausstellen. Ist nicht die über Jahrzehnte geübte Präzision, Geduld und Ausdauer einer Teemeisterin mit der Disziplin eines Extrembergsteigers vergleichbar, der neben Training auch Respekt vor dem Berg und die Regeln im Zusammenleben mit seiner Expedition beachten muss? - Die Teelehrerin lächelt bescheiden und nimmt von uns Abschied. In ihrem Blick schwingt Weisheit und Stolz mit.

CM

Ein Augenblick in Buchara

Es ist Hochsommer und die Mittagssonne brennt über der Oasenstadt Buchara. Einige Häuserreihen hinter den berühmten Medresen, historischen Handelskuppeln, herausgeputzten Souvenirgeschäften und gemütlichen Teehäusern spaziere ich durch ein traditionelles Wohnquartier. Die verwinkelten Gassen sind menschenleer; ihre Bewohner suchen in den kühleren Innenhöfen Zuflucht vor der Hitze. Stille herrscht und meine Gedanken gehen auf Zeitreise ...

Wie war es hier wohl vor Tausend Jahren, als Kamelkarawanen der Seidenstrasse vom imposanten Minarett Kalon geleitet hier eintrafen, ihre Waren, Innovationen, Weltanschauungen und Religionen austauschten? Welche Ideen entstanden wohl neben Algebra, Medizin und Astronomie in Bucharas weltberühmten Medresen? - Der Geist der glorreichen Geschichte scheint zu greifen nah.

UsbekistanUsbekistan

Plötzlich durchdringen Schreie die Stille und bringen meine Gedanken zurück. Woher kommen sie? Was ist wohl geschehen? Den Geräuschen folgend beschleunige ich meine Schritte und gelange an einen grösseren Platz mit einem Khauz, einem traditionellen Wasserreservoir. Fünf Buben haben ihn kurzerhand in ihr privates Schwimmbad umfunktioniert und veranstalten unter lautem Geschrei ein Wettspringen ins kühlende Nass.

Früher hatte jedes Quartier einen Khauz, der als Trinkwasserspeicher und Treffpunkt der Bewohner diente. Vom einfachen Dorfbrunnen mauserte sich manch Einer zum berühmten Platz. So entstand im 18. Jh. am Bolo-Khauz die Moschee des Emir, dessen 20 Säulen sich im Wasser spiegeln. Der Lyabi-Khauz ist Bucharas grösstes Reservoir und liegt zwischen den Medresen Nadirdevonbegi und Kukaldash. Wie einst die Gelehrten dieser mittelalterlichen Hochschulen treffen sich heute Alt und Jung am Rande des Wassers. An langen Sommerabenden geniessen sie in gemütlicher Runde bei angeregten Gesprächen die lokalen Köstlichkeiten Lammspiesse mit Pilav-Reis, Salat mit Fladenbrot - dazu das eine oder andere Gläschen Wodka.

Eine Weile beobachte ich das Wettspringen der Buben und erinnere mich, wie wir als Kinder unseren Dorfbrunnen zum Planschbecken umfunktionierten. Die ferne, exotische Märchenstadt mit ihrer eindrucksvollen Geschichte scheint auf einmal vertraut. Die ausgelassene Freude des Moments lässt Distanzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Fremdem und Vertrautem verschwinden.

CM